Pars pro toto: Sharp Zaurus

08 12 2004

Betrachtet man die verschiedenen Informationsquellen zum Sharp Zaurus, die im Web zu finden sind, begegnet man unweigerlich dem Segen und Fluch der Open Source Software: Diversität. Mehrere Portale, zum Teil fremdsprachig, Dutzende HowTos und Anleitungen, kleinere Websites von Einzelpersonen, Importfirmen und Zusatzteileanbieter tummeln sich in einem bunten Reigen. Entwicklungsprojekte in allen Stadien des Lebens und Ablebens, vom Planungs- über Alpha-, Beta- bis hin zum stabilen Produktivzustand sind zu finden. Dokumentation gibt es in sämtlichen Qualitätsstufen, von aktuell und gut aufbereitet bis hin zu grottenschlecht, fehlerhaft und hoffnungslos veraltet.

Spätestens, nachdem man die xte Information aus einer sich immer weiter verlängernden Bookmark-Liste herausgeklaubt hat, wünscht man sich eine übergeordnete Struktur. Nach dem dutzendsten Flashen von ROMs, die sich trotz ihrer Kennzeichnung als "stabil" und "aktuelles Release" stattdessen als fehlerhaft bis hin zur Unbenutzbarkeit herausstellten, wünscht man sich eine Qualitätskontrolle. Nach dem soundsovielten Crash darf diese dann allmählich auch ruhig autoritär-hierarchische Züge annehmen.

Als fehlerhaft ist in diesem Zusammenhang auch eine nicht dem Entwicklungsstand der Software angepaßte Dokumentation anzusehen, die dem Nutzer unnötigerweise Informationen vorenthält oder ihn gar in die Irre führt. Denn eine Software kann bei der Komplexität heutiger Anwendungen immer nur so gut sein wie die ihr immanente Anleitung. Einzig Dünkel und elitäre Abgehobenheit von Entwicklern können sich noch auf den Standpunkt stellen, daß ein gutes Produkt selbsterklärend sein müsse. Einem Nutzer ist mit der lapidar hingeworfenen Bemerkung, er möge doch bitteschön die Quelltexte lesen, ebensowenig geholfen wie einem deutschen Reisenden mit einer Wegbeschreibung auf Japanisch.

Damit sollen die Bemühungen, die teils harte Arbeit und das Engagement von Entwicklern keinesfalls geschmälert werden. Dennoch gewinnt man bisweilen den Eindruck, daß an die Benutzbarkeit durch die Endanwender bei manchen Projekten primär nicht gedacht wird, sondern daß Experimentier- und Spieltrieb im Vordergrund stehen. Beide haben durchaus ihre Berechtigung; nur wird anscheinend des öfteren versäumt, in der zugehörigen Dokumentation (sofern überhaupt vorhanden) auf diese Zielsetzung unmißverständlich hinzuweisen. Zusätzlich führt die schon erwähnte Diversität zu der Tendenz, das Rad mehrfach zu erfinden, anstelle die durch die exotische Hardware-Plattform sowieso schon relativ geringen Entwickerressourcen auf gemeinsame Ziele zu bündeln.

Selbst einen langjährigen Linux-Anwender und -Administrator kann der Zustand der verschiedenen Software-Pakete für den Zaurus noch in Erstaunen versetzen. Verwendet man primär die Debian-Distribution, wird man sehr schnell feststellen, wie verwöhnt man von deren sprichwörtlichen Stabilität und, entgegen anderslautenden Gerüchten, auch Aktualität doch ist. Unauflösbare Abhängigkeiten, schwere Abstürze und nicht ohne hohen Zeitaufwand behebbare Softwarekonflikte zählen bei sorgfältigem Umgang mit dem System eher zu den selteneren Ereignissen. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten. Und gegenüber einem eingebetteten Linux-System, wie es die Sharp Zaurus-Familie darstellt, ebenso auch eine gewisse Erwartungshaltung. Ob diese nun gerechtfertigt ist oder nicht.

Zum jetzigen Zeitpunkt scheint keine der vorhandenen Distributionen für den Sharp Zaurus alle der genannten Ansprüche - Stabilität, Nutzbarkeit, Dokumentation und Aktualität - gleichzeitig abdecken zu können. Was in Anbetracht der Hardware-Plattform bedauerlich ist. Darüberhinaus reizt dies natürlich dazu, die derzeitige Situation durch eigene Initiative zu verändern. Sinnvollerweise geschähe dies nicht durch die Eröffnung eines weiteren Projektes, sondern durch Beteiligung an einem bereits vorhandenen. Und schon stößt man auf eine weitere Hürde: Was tun, wenn der Hauptverantwortliche einer sich in aktiver Entwicklung befindenden Software per Mail nachhaltig nicht erreichbar ist?

Man darf dem Debian-Projekt gegenüber durchaus kritisch eingestellt sein. Der Vorwurf der Bürokratie entbehrt auch nicht einer gewissen Grundlage. Eines der Resultate dieser peniblen Kleinkrämerei ist aber neben der immer wieder lobend erwähnten Systemstabilität vor allem eines: Konsistenz. Könnte man diese Vorzüge auf den Zaurus übertragen, würden sie den Nutzwert des Gerätes immens steigern.


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