Was beinahe unmöglich klingt, wenn man in einem der alten Bundesländer und der ehemaligen Bundeshauptstadt lebt, in diesem Fall also in Nordrhein-Westfalen und Bonn, das wird umso wahrscheinlicher, je weiter man sich in Richtung Osten begibt. Es gibt unbestreitbar sicht- und spürbare Unterschiede zwischen hier und dort. Zwar kann ich lediglich für Sachsen sprechen, doch lassen sich manche Eindrücke mit gewissen Abstrichen sicherlich noch auf die angrenzenden Regionen übertragen. Die Mentalitäten unterscheiden sich nach wie vor zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Die Mode. Die Art und Weise, mit Ereignissen und Gegebenheiten umzugehen - oder eben auch nicht. Die Vergangenheit steckt noch in vielen Köpfen. All das verwundert aufgrund der unterschiedlichen Geschichte der beiden Republiken in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts kaum. Das Zusammenwachsen dauert. Aber es wird geschehen.
Es war vor kurzem in Dresden, als mir in einem Supermarkt ein wandgroßes Plakat ins Auge fiel, das massiv mit der Anzahl der dort geführten regionalen Artikel warb. An den Regalen waren alle diese Produkte mit Hinweisschildern deutlich gekennzeichnet. Blickfänger wie Aufdrucke "aus Sachsen" waren häufig und Markennamen wie "Sachsenstolz" immerhin noch in einigen Warengruppen zu finden. Nachdem mir dies bewußt geworden war, bemerkte ich ähnliches in einem Baumarkt und später ebenfalls in Leipzig, wenn auch dort etwas weniger präsent.
Ich erinnere mich an zwei unmittelbare Empfindungen. Die erste war ein wenig Neid auf die scheinbare Selbstverständlichkeit, mit der der offene Bezug zur Region und dem lokalen Umfeld gepflegt wird. Ein Satz wie "ich bin Sachse und stolz darauf" dürfte in Leipzig wenig Verwunderung hervorrufen, während die gleiche, auf Nordrhein-Westfalen bezogene Äußerung in Bonn vermutlich zumindest einiges Stirnrunzeln zur Folge hätte. Und das nicht allein wegen des zusammengesetzen Ländernamens.
Manche Menschen verleugnen aus Angst, sich damit selbst in die "rechte" Ecke zu rücken, einen regionalen Bezug und ihre Heimatverbundenheit oder vermeiden es zumindest, beides allzu lautstark und deutlich zu artikulieren. Allenfalls findet das, bisweilen reichlich verkrampft, unter dem Stichwort "Brauchtumspflege" statt. Auf der nationalen Ebene ist es noch schlimmer. Wie soll eine Kampagne wie "
Du bist Deutschland" eine positive Einstellung gegenüber unserem Land erzeugen, wenn einen gleichzeitig der Satz "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" automatisch zum Rechtsextremen stempelt? Wie anders gehen Briten oder Amerikaner mit ihrem Nationalgefühl um! Darf man nicht auf sein Land stolz sein und dies auch äußern? Darf man das Wort "Heimat" nur benutzen, wenn man sich anschließend den Mund mit Seife auswäscht? Man verzeihe mir den laienhaften, unbeholfenen Umgang mit diesem Thema. Aber es geht alle etwas an. Jeder ist betroffen, davon gibt es keine Ausnahme. Deshalb ist Schweigen keine Lösung. Sich bei der Erwähnung des Wortes Nationalstolz reflexhaft zu ducken, prompt eine schuldbewußte Miene aufzusetzen und das Büßerhemd aus dem Schrank zu ziehen, ist es allerdings auch nicht. Es muß einen Kompromiß geben dürfen zwischen dem rechtsextremistischen Mißbrauch dieses Begriffs, seiner Befleckung durch die Rechten, und dem linksextremistischen Dogma, daß alles, was den Vorsatz "national" trägt, zwangsläufig rechtsextrem und damit des Teufels sei. Möglicherweise liegt ein gangbarer Mittelweg in dem Bemühen, Worte wie diese reinzuwaschen und ihnen eine neue, achtbare Bedeutung zu verleihen. Damit man einerseits wirklich wieder stolz auf sein Land sein kann und dies andererseits auch artikulieren darf, ohne dabei befürchten zu müssen, von seinem Nachbarn scheel angeblickt zu werden.
Die zweite, in diesem Zusammenhang marginale Empfindung war, daß eine bevorzugte Berücksichtigung regionaler Hersteller und Anbieter selbstverständlich auch ökonomisch großen Sinn ergibt. Die Produktionswege sind kürzer. Ebenfalls der Weg zum Verbraucher. Beides kommt damit Wirtschaft und Umwelt zugute. In Karlsruhe nahm ich einmal ein Paket Frischmilch aus der Kühltheke, daß aus dem Milchwerken des Ortes stammte, in dem ich zur Schule gegangen bin - gute 400 Kilometer entfernt! Anders ausgedrückt, muß ein in Freising hergestellter Joghurt wirklich in Kiel erhältlich sein, oder genügt dort nicht auch ein lokales Äquivalent? Hier ist natürlich ebenfalls der Verbraucher gefragt, der deshalb Produkten aus seiner Region den Vorzug geben sollte.
Die Kennzeichnungen regionaler Waren in den Märkten ist mir also positiv aufgefallen. Ich halte dieses Beispiel für gut und nachahmenswert.
Es gibt aber auch eine Kehrseite der Medaille. Sie äußert sich unter anderem in betrunkenen, pöbelnden Skinheads auf dem Leipziger Hauptbahnhof. Die grölend Bierkästen durch die Gegend treten und sich aggressiv gebärden, ohne daß sie irgendjemand zur Ordnung ruft, geschweige denn, ihnen Einhalt gebietet. Die anwesenden Bahnhofsangestellten sahen dem Treiben schulterzuckend bis ängstlich zu. Auch wenn ein Nichteingreifen vermutlich eine weitere Eskalation verhinderte, fragt es sich dennoch, ob das die richtige Vorgehensweise war. Die angespannte Atmosphäre vermittelte jedenfalls nicht den Eindruck, daß die Situation unter Kontrolle sei. Sie trug den Geruch der Angst.
Ähnliches erlebte ich in einer Regionalbahn auf dem Weg nach Halle. Dort war es eine Gruppe Punks, die den Zug ganz offen aus dem Ghettoblaster beschallte. Es war Musik, die auf dem Index stand oder zumindest daraufgehörte, die rechtsextremen Texte der Stücke ließen daran keinerlei Zweifel. Auch hier schritt niemand ein, auch ich nicht. Bis auf die ohrenbetäubende Lautstärke verhielt sich die Gruppe jedoch friedlich. Das Zugpersonal setzte sich erst näher mit ihnen auseinander, als zwei von ihnen bei der Kontrolle keine Fahrkarte vorweisen konnten. Es blieb bei einem diesbezüglichen, kurzen und heftig geführten Wortwechsel. Zur Art der Musik und ihrer Lautstärke sagte niemand etwas. (Mir im Übrigen bewußt, daß die Bezeichnung als Punks irreführend ist. Sie bezieht sich auf Stil und Kleidung, nicht auf die politische Einstellung.)
Ein drittes Erlebnis bestand in einem mehr oder minder als Monolog geführten Vortrag eines durchschnittlich gekleideten Mannes mittleren Alters auf einer nächtlichen Busfahrt durch Leipzig. Er war gegen vier Uhr morgens in Begleitung einer etwa gleichaltrigen Frau an einer der Haltestellen zugestiegen und redete eine Dreiviertelstunde lang auf sie ein, kaum daß beide einen Sitzplatz gefunden hatten. Von Stammtischparolen gegen Politiker bis hin zur Forderung der Ausweisung von Ausländern wurde unwidersprochen durchgehechelt, was man sich an dumpfbraunem Gedankengut nur vorstellen mag. Der Bus war im Übrigen gut besetzt, und der Mann vollkommen nüchtern. Niemand sagte ein Wort. Niemand mischte sich ein. Auch ich nicht.
Wenn man die allen drei geschilderten Szenen zugrundeliegende Atmosphäre einmal gespürt hat, verwundert eine Nachricht mit dem Titel "
NPD verhindert Wecker-Konzert" kaum noch. Was in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn mit ihrer auch in antifaschistischer Hinsicht recht bewegten Vergangenheit geradezu absurd und unmöglich erscheint, klingt gut 450 Kilometer weiter östlich beinahe, fast schon logisch und konsequent. Um es mit einem saloppen Spruch zu belegen: "Houston, wir haben ein Problem." Das Problem, wie man die - regional massiv auftretenden - Auswüchse eines rechten Extremismus eindämmt, ohne dabei gefährlichen Minderheiten zu medienwirksamer Aufmerksamkeit und womöglich gesteigerter Popularität zu verhelfen, die ihnen weiteren Rückhalt verschaffen könnte.
Zweifelhaft sind in diesem Zusammenhang ebenfalls Einfluß und Rolle linksextremistischer Organisationen wie der Antifa, weshalb ich persönlich Weckers Zusammenarbeit mit deren örtlichen Gruppen für mehr als fragwürdig halte. Letzlich erwies er sich selbst und der eigenen Sache damit einen Bärendienst. Ohne das rote Tuch mit diesem Namen zu schwingen, wären seine Auftritte möglicherweise der unmittelbaren Aufmerksamkeit der rechten Szene entgangen. Die angestrebte Zielgruppe läßt sich dennoch und auch auf andere Weise erreichen. Das heißt, ohne sich in das Umfeld von Konterextremisten zu begeben und damit quasi den Teufel mit Beelzebub auszutreiben zu suchen.
Wie geht man angesichts solcher Vorfälle selbst am besten mit dem Thema um? Das ist eine Frage, die ich mir schon seit einiger Zeit stelle. Wegsehen ist keine Lösung. Sich in der konkreten Situation als Einzelner in einer Atmosphäre der Einschüchterung in den offenen Konflikt mit einer zahlenmäßig überlegenen Gruppe zu begeben, wäre blanker Leichtsinn. Mit mangelnder Zivilcourage hat das nichts zu tun. Die Auseinandersetzung mit extremistischen Auswüchsen - gleich welcher Art - muß demnach auf einer anderen Ebene stattfinden. Sie darf jedoch weder in Vergessenheit geraten noch das persönliche Umfeld ausklammern. Hier ist jeder einzelne von uns gefragt. Damit Einzelfälle wie die nicht genehmigten bzw. abgesagten Konzerte von Hoyerswerda und Halberstadt keine Schule machen.