Im Rahmen des Beethovenfests Bonn trat
Ute Lemper schon am vergangen Samstag, dem 8. April, mit ihrer aus vier Musikern bestehenden Band im T-Mobile-Forum auf. Es war eines von nur zwei Konzerten in Deutschland (das andere fand am heutigen Abend im Berlin statt). Unter dem Titel "Voyage" nahm sie ihr Publikum mit auf eine Reise quer durch ihr breit gefächertes Repertoire. Darunter befanden sich eigene Lieder, französische Chansons, Kurt-Weill- und Brecht-Interpretationen sowie ein Zyklus vertonter, jiddischer Gedichte.
Angesichts der exorbitant hohen Preise für die Karten in den ersten Reihen waren meine Erwartungen entsprechend hochgesteckt. Als Zuhörer oder Zuschauer, das muß ich zugeben, bin ich gnadenlos, vor allem dann, wenn es sich um längst etablierte Künstler oder Künstlerinnen handelt. Für den Gegenwert mehrerer vollpreisiger Musik-CDs darf man gerechtfertigterweise erwarten, live auch entsprechende Leistungen geboten zu bekommen. Der Kartenpreis betrug gut das Dreifache meines normalerweise als angemessen betrachteten Limits. Jenseits dessen erwarte ich Perfektion in jeglicher Hinsicht, also eine rundum gelungene Sache. Nicht, weil ich mir nicht mehr leisten könnte, sondern weil ich der Ansicht bin, daß eine künstlerische Darbietung ab eines gewissen Schwellwerts mit rein kommerziellen Interessen kollidiert, was ihren ideellen Wert in signifikanter Weise mindert. Die jedes Jahr auf dem Bonner Museumsplatz stattfindenden Open-Air-Konzerte etwa sind in der überwiegenden Mehrheit hervorragende Beispiele für durch nichts mehr zu rechtfertigende Preisvorstellungen seitens der Veranstalter.
Nun, drei Tage nach dem Auftritt, kann ich mich immer noch nicht recht entscheiden, ob ich mich damit wirklich zufriedengeben soll oder nicht. Oh, in mehrerlei Hinsicht war das Konzert perfekt: Die Lemper war grandios, besonders im zweiten Teil, nach der Pause. Die Band, bestehend aus ihrem Mann am Schlagzeug und drei weiteren Musikern an Gitarre, Baß und Klavier, harmonierte. Umwerfend fand ich besonders die Interpretation der Chansons von Jacques Brel und Edith Piaf - gerade letztere - sowie die jiddischen Lieder. Weniger gefallen haben mir hingegen ihre eigenen und, das vor allem, die lauten Passagen gegen Ende des ersten Teils. Die Weill- und Brecht-Songs waren insofern sehr spannend, als daß sie sich durch die gesamte Darbietung zogen. Ute Lemper flocht sie immer wieder in ihre Reise ein und scheute sich auch nicht, lokale Bezüge herzustellen, auch wenn einige Ansagen zumindest anfangs leicht angestrengt klangen. Mackie Messer mehrmals "in den Kulissen des Bundestages herumschleichen" zu lassen, wirkte jedenfalls trotz der offensichtlichen Intention etwas bemüht. Charmant fand ich dann wiederum die Erzählung von ihrer Geburtsstadt, zumal ich mit dem Straßennamen "Pötterhoek" etwas anfangen konnte...
Es ist sicherlich Geschmackssache, aber ich habe eine Abneigung gegen den Stil, Modulationen in den hohen Lagen durch Druck und damit Lautstärke zu ersetzen. In Ermangelung einer besseren Bezeichnung nenne ich es den "amerikanischen Stil"; eine seiner Ikonen ist die Kreischolinde Whitney Houston, eine ganz grauenhafte Heulboje. Gar so schlimm wurde es an diesem Abend zwar bei weitem nicht(!), trotzdem war ich der Ansicht, einigen Parts des ersten Teils hätte eine etwas moderatere Herangehensweise besser getan. Gerade bei den leisen Tönen und den verhalteneren Passagen brillierte die Lemper besonders, erzeugte eine Atmosphäre, die das Publikum unweigerlich in ihren Bann schlug, ohne - bei den Piaf-Chansons, beispielsweise - eine virtuose, sprühende Lebendigkeit vermissen zu lassen.
Darüberhinaus ist es ihr Verdienst und deshalb besonders erwähnenswert, daß es ihr gelang, einen dermaßen schlecht gewählten Veranstaltungsort wie das T-Mobile-Forum überhaupt in eine stimmungsgeladene Konzerthalle zu verwandeln. Wie man einen Raum, der mit dem nüchternen, kalten und sterilen Atmosphäre eines Konferenzsaales aufwartet, für einen Chanson-Abend heranziehen kann, bleibt absolut unverständlich. Für die Keynote einer Messe oder die Präsentation eines Technologieproduktes sicherlich angemessen geeeignet, taugt das businesslike gestylte T-Mobile-Forum als Konzertstätte für solche Veranstaltungen nur äußerst bedingt. Jede Beton-Fabrikhalle besitzt da weitaus mehr Charme; der
Theatersaal im Metropol wäre eine durchaus angemessenere Bühne gewesen.
Hinzu kam die kühle, technische Präsentation mit Live-Videos, die auf die Großbildleinwand hinter der Bühne projiziert wurden. Auch das erschien wenig passend, zumal die beiden Kameras ständig Schärfemessungen auf die Projektionsfläche durchführten und die in regelmäßigen Abständen grellrot aufflimmernden Laser-Meßpunkte auf Dauer äußerst störend und irritierend wirkten. Ohnehin gab es an der Technik einiges zu bemängeln. Ich müßte mich doch sehr getäuscht haben, wenn die gesamte Übertragungskette ab Mikrofon nicht voll digital gewesen wäre. Entsprechend "hart" war auch der Klang insgesamt. Gerade im hinteren Hallenbereich wurde das hörbar, wo außerdem auch viel zu laut abgemischt war. Etliche der älteren Konzertbesucher beklagten sich in der Pause untereinander über den hohen Schalldruck. In den vorderen Reihen war die Akustik besser, dennoch klang die ganze Anlage meines Erachtens nach unnötig "kalt". Ohne das an dem verwendeten Gesangsmikrofon oder sonstigen Komponenten festmachen zu wollen, wäre etwas mehr Analogwärme der stimmlichen Wiedergabe (und der Stimmung an sich) doch sehr förderlich gewesen.
Letzter und in meinen Augen störendster Punkt war das absolut unangebrachte und mehr als nur ein bißchen nervende Brand Placement, das über den gesamten Auftritt verteilt stattfand. War das Singen von "T-Mobile" seitens Ute Lemper beim ersten Mal noch recht witzig und erzeugte denn auch eine entsprechende Reaktion im Publikum, wurde die Wiederholung dieses Markennamen mit jedem Mal ärgerlicher. Gegen Ende des Konzerts sagte die Lemper sinngemäß etwa "T-Mobile, T-Mobile, T-Mobile, Deutsche Telekom - man hat mir gesagt, ich könne alles sagen, solange ich nicht Deutsche Telekom sage. Aber es ist okay, es ist ja alles in Ordnung!" Nein, Frau Lemper, das ist es nicht. Absolut nicht. Wenn man schon ein kleines Vermögen für einen ihrer Auftritte ausgibt, dann möchte man die Darbietung als solche bitteschön auch werbefrei genießen. Die letzten Wiederholungen sprengten wirklich jeden Rahmen des Erträglichen. Schon beim Namen des Veranstaltungsorts wurde man unweigerlich mit der dahinterstehenden Firma konfrontiert. Das muß genügen. Man muß sein Publikum nicht auch noch gewaltsam mit der Nase daraufstoßen, wer oder was sich zumindest hinter der Örtlichkeit befindet.
Insgesamt also ein Abend, bei dem sich positive und negative Eindrücke in etwa die Waage hielten. Die unpassende Ortswahl mit ihrer Flachbestuhlung und die klanglich steril wirkende Technik wurden konterkariert von einer virtuosen, überwältigend wendigen und brillanten Ute Lemper samt Band, die das Forum mit Leben, mit ihrer Stimme ausfüllte und das Publikum gegen Ende ihres zweieinhalbstündigen Auftritts zu Standing Ovations hinriß. Bis auf kleinere Anmerkungen entsprach ihre Vorstellung genau dem, was ich erwartet hatte: Perfektion. Deshalb würde ich jederzeit ein weiteres ihrer Konzerte aufsuchen - allerdings wirklich nur dann, wenn es an einem anderen Ort stattfände. Ihre bemerkenswerte Steigerung in der zweiten Hälfte versöhnte mit dem etwas weniger beeindruckenden ersten Teil des Konzerts und führt letztlich dazu, daß ich die Ausgabe für die Eintrittskarte dann doch nicht bereue.