Auf dem Nachhauseweg von irgendwo tuckern
KiEw und, alter Schwede!, der Däne Claus Larsen in der Inkarnation des Projekts
Leæther Strip unter meiner Schädeldecke. Die Straßenlaternen werfen trübgelbe Lichtkegel auf den regennassen Asphalt, die Luft kühlt sich zunehmend ab, und in der Ferne kündigt sich in den Schatten über den Baumwipfeln bereits das nächste Gewitter an. Vor dem blaugrau wirbelnden Hintergrund schimmern die Blütenstände der Kastanien durch die Blätter, helle Tupfen im Gleichmaß des Grüns.
Heimkommend finde ich ein flaches Päckchen im Briefkasten. Bereits erwartet zwar, doch ohne jegliche Vorstellung vom Inhalt, fällt meine Überraschung umso größer aus, als mir beim Öffnen eine schlichte, aber angemessen gestaltete DVD-Hülle entgegenfällt. Nein,
diese kranken Cover-Fotos gibt es garantiert nirgends zu kaufen. Darin befindet sich auf zwei CDs eine Werksrückschau des Cassettenlabels SENSELESS GEBOLLAH! Alter Schwede...
Es ist eine gut 130minütige Zeitreise zu den Anfängen der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Von etwa 1990 bis 1995 existent, versammelten sich unter dem Dache des Herrn Lucy F. eine Gruppe von gut 20 Bekloppten, um dem sich stetig selbst überschätzenden Todesernst vor allem einer Grufti- und Gothic-Szene elektronisch erzeugten Spaßlärm entgegenzusetzen. Wir hörten Epigonen wie
Front 242,
Skinny Puppy,
Ministry,
The Klinik und
Front Line Assembly, um nur einige von ihnen zu nennen, aber auch angeschrägte Sachen wie
The Legendary Pink Dots um Frontmann Edward Ka-Spel. Die gesamte Liste aufzuführen, würde hier jeglichen Rahmen sprengen.
Aus diesem Schmelztiegel unterschiedlichster
EBM-,
Industrial-,
Dark Wave- und
Gothic-Einflüsse, versetzt mit einer gehörigen Portion Selbstironie und bewußter Respektlosigkeit gegenüber unseren dennoch hochgeschätzten Vorbildern, entstand eine Legierung, die Herr F. noch heute als Spaßelektro, Fundustrial und Hörspiel-House bezeichnet. Darunter befinden sich abgedrehte Cover-Versionen bekannter Stücke ebenso wie wüstestes Gelärme oder liebevoll zusammengezimmerte Electropop-Perlen. Textlich lugen unter anderem die Einflüsse von
Max Goldt,
Helge Schneider und
Wiglaf Droste verschmitzt hinter diversen Ecken und Kanten hervor.
Die Bezugname auf's Metallschmieden ist übrigens angebracht. Einige der Beträge sind mittels Stahlschrott realisiert worden, der gleich kübelweise an die Beteiligten ausgegeben wurde. Manche der verwendeten Musikinstrumente und Aufnahmegeräte, mithin das genutzte Equipment, besaß in etwa einen vergleichbaren Wert, während andere auf mehr oder weniger komplett eingerichtete Homerecording-Studios zurückgreifen konnten. Ebenso reichte die Bandbreite der musikalischen Talente vom Dilettanten bis hin zum versierten Musiker. Die Klangqualität der meisten Stücke ist angesichts dieser Instrumentenvielfalt und der insgesamten Qualitätsunterschiede auch heute noch erstaunlich gut. Es gibt Beiträge aus dem Umfeld von SENSELESS GEBOLLAH!, die, mit einfachsten Mitteln erzeugt, mich über viele Jahre hinweg begleitet (und sicher wohl auch beeinflußt) haben.
Auf der Werkschau gibt es einige der besten Tracks aus dieser fünfjährigen Labeltätigkeit zu hören. Auszüge von im Kennerkreis legendären Veröffentlichungen wie den Compilations "Linksdrall unterm Kaffeewärmer", "Kabelbrand im Herzschrittmacher" und der Tape-Sendung "Radio SG!" sind dort ebenso zu finden wie einige Stücke, die erst nach dem Ende der offiziellen Label-Aktivität eingereicht wurden oder aus anderen Gründen währenddessen nicht veröffentlicht werden konnten. Projekte wie "Hund, Katze; Pferd", "Schwarzwurz", "Doodlebug" oder "Nekrophile Nachbarn" sind ebenso vertreten wie "Dental Distortion" und "Sick-O-Mat". Es gibt Cover von
Lacrimosa-,
Laibach- und
Kraftwerk-Tracks, deutschen Volksliedern und dem Titelsong der Sesamstraße. Das darf man einfach nicht verpaßt haben!
Und während es draußen beginnt, zu stürmen, zu donnern und zu blitzen, kracht es hierzulande gewaltig aus den heimischen Boxen. Hach, die gute alte Zeit! Mit ihren von der Dual-Lärmcombo Queer Animals (zwei Mann erzeugen Schalldruck für mindestens vier) begleiteten Live-Performances, bei denen den Zuschauern wahlweise zuerst schlecht wurde und dann das Lachen im Halse steckenblieb oder umgekehrt. Während der vergangenen drei Tage hat irgendsoein Verrückter sogar bereits die Tracklists der beiden CDs bei
FreeDB eingereicht. Danke, danke, damit muß ich mir diese Arbeit nun nicht mehr selbst machen. Dankeschön, Lucy F., danke SENSELESS GEBOLLAH!, danke an euch Mitstreiter, Lärmchaoten und Krachmusikanten. Auf Wiederhören, und: "Sterbt, ihr Erdenwürmer...!"
Kurz: Wenn es sie zu kaufen gäbe, müßte hier eine unbedingte Kaufempfehlung stehen. :)
Weiterführende Links zu ehemals Beteiligten oder Beitragslieferanten zu den verschiedenen Compilations:
•
Harald "Sack" Ziegler (auch bei
Shesaiddestroy)
•
MoogulatoR, bzw.
ConseQuencE