Ich atme Kunst
31 08 2006"Männer sublimieren ihren Gebärneid, wenn sie Kunst machen."
Schallendes Gelächter. Nachdem ich mich ein wenig davon erholt hatte, begann ich mir zwecks weiterer Erleuchtung einige Fragen zu stellen. Frauen sublimieren ja ihren Penisneid, wenn sie derartiges aus ihrer Feder schütteln. Kunst machen? Architektur tanzen? Bilder an die Wand und Namen in den Schnee pissen? Senseless Gebollah? (Oh, sorry. Das war ein Insider.) Es gab da mal vor Jahren im Ruhrpott einen Durchgeknallten, der als offenbar kultursanktionierter Freigänger in sogenannten Happenings Leinwände mit seinen Exkrementen bemalte. Und somit "Kunst machte". Fäkalideologisch gesehen. Immerhin beschränkte er sich auf diese. Auf die Leinwände, meine ich. Ob sich andere Kunstschaffende mit derlei kretinen Aktionismen infizieren, Entschuldigung, identifizieren konnten, ist nicht bekannt. Für das Publikum bestand immerhin eine latente Gefahr darin, sich irgendwelche spaßige Krankheiten mit lustigen, aber unaussprechlich langen, lateinischen Namen einzuhandeln. Als Kunstinteressent wollte man sich solch ein frischgeschaffenes Objekt jedenfalls wohl kaum an die heimische Wand über das Gästesofa hängen. Einmal verklagte der perverse Perser, wie er sich selbst nannte, ein Museum wegen der Zerstörung von Kunstgegenständen. Der verantwortliche Direktor hatte eine Installation aus einer dreistelligen Anzahl toter Küken offiziell entsorgen lassen, weil diese angesichts der sommerlichen Temperaturen draußen vor dem Fenster ein gewisses olfaktorisches Eigenleben zu entwickeln begann. Aber ich schweife ab.
Die Krux an Pauschalisierungen - ob kontermaskulin oder nicht - ist, daß sie implizit unzutreffend sind. Wenn man sie anwendet, disqualifiziert man sich als sachlicher Diskussionspartner, zumindest innerhalb desselben Kontexts. Falls sie themenübergreifend, sozusagen pauschal, angebracht werden, ist außerdem eine starke Affinität zu Realitätsblindheit, Verblendung und latentem Fanatismus anzunehmen. Glücklicherweise sind diese häufig temporär und wachsen sich in späteren Jahren aus. Dennoch weiß man kaum, was man befremdlicher finden soll. Auf der einen Seite das immer wieder angeprangerte, aufdringliche, männlich-pubertäre Imponiergehabe. Oder dort, auf der anderen, das öffentliche Ausleben des göttlichen Mystizismus der weiblichen Adoleszenz unter dem wehenden Purpurbanner des Feminismus. Schnipseln mit Haaren. Malen mit Menstruationsblut. Auf symbolträchtige Lilien gebettet, sanft umhüllt vom Deckmäntelchen sich bis zur Sinnentleertheit selbst feiernder, zeitgenössischer Kunst. Überhaupt ist die unsäglich penetrante Sexualisierung des Alltags durch manche ZeitgenossInnen bisweilen nur äußerst schwer erträglich. An soviel Eros, Thanatos und Körperflüssigkeiten auf einmal denken nicht einmal Männer. Nun, die allermeisten jedenfalls nicht.
Aber es gibt Ausnahmen. Menschen, die die durchaus angebrachte und immer noch gültige Forderung nach der Gleichbehandlung der Geschlechter mit pragmatischen Überlegungen zu verbinden wissen. Die einem sachlichen Umgang mit dem Thema abträgliche Äußerungen zum Knochenkotzen finden. Da ertappt man sich unweigerlich bei zustimmendem Nicken. Wohingegen ein Geschwalle wie das, mit dem dieser Artikel begann, lediglich zu unkontrollierten Heiterkeitsausbrüchen führt. Manchmal ist beispielsweise ein Mikrofon einfach bloß ein Mikrofon. Ein Schallumwandlungswerkzeug. Es hat mit einem Phallus in etwa soviel zu tun wie ein Pottwal mit einer Petunie. Wer das nicht glauben will, mag sich von mir aus eines dieser Dinge dorthin stecken, wohin die Sonne niemals scheint.
Nachtrag: Offenbar scheint auch die KünstlerIn selbst ihre These für ein wenig gewagt zu halten. Jedenfalls ist der betreffende Artikel von Ende 2005 über Nacht plötzlich aus dem Blog verschwunden (oder gesperrt worden). Das nächste Mal werde ich Screenshots anfertigen. Versprochen. Logos spermatikos. Gnicker. "Gebähre mir ein Ungeheuer, o allesverschlingende Vagina Dentata!" (Und singend ab.)
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Aus der Rubrik "Unveröffentlichte Raritäten". Ja, das waren noch Zeiten, als man Musik den Mitmenschen buchstäblich an den Kopf werfen oder auf direktem Wege scheppernd in die Tonne kloppen konnte! Da war nichts mit langweilig-steril klingenden, flachen Silberscheiben samt notorisch viel zu kleiner Coverfläche auf dem jeweiligen Jewel Case. Die Schrift auf den Tapes mußte man nämlich noch sehr viel kleiner drucken. Das erforderte Kunstfertigkeit. Es gab scharfkantig splitternde Kunststoffgehäuse, Hüllen mit ständig gesprungenem Deckel und Kassetten, die sich in zwei Hälften, Bandspulen und Schräubchen zerlegten, wenn die kleine Schwester sie gegen die Wand pfefferte. Es gab Bandsalate, Leiern und Hintergrundrauschen, verzerrtes Gekrächze an zerknittertem Stellen und Übersprechen von der Lage darunter. (Erinnert sich noch jemand an die legendären 