
Trotz der heftig
umstrittenen Schirmherrschaft von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble habe ich auch am diesjährigen LinuxTag teilgenommen, zum nun fünften Mal in Folge. Dadurch kann ich die Veranstaltung aus der Sicht eines Besuchers über ein halbes Jahrzehnt an insgesamt drei Standorten, Karlsruhe, Wiesbaden und zuletzt Berlin, miteinander vergleichen. Zu meinem Fazit weiter unten.
Die Fahrt zum LinuxTag beginnt am Mittwoch erst einmal - nicht. Aufgrund eines Unfalls wird der gesamte linksrheinische Bahnverkehr in Richtung Köln eingestellt. Informiert wird darüber per Lautsprecherdurchsagen am Gleis. Die Infotafeln zeigen allerdings hartnäckig die mit Verspätungsmeldungen versehenen Ankündigungen von Regionalzügen. Da nützt es auch nichts, daß ich vorsichtshalber eine gute halbe Stunde zu früh und damit überpünktlich am Bahnhof eintreffe. Über den ICE nach Berlin, den ich eigentlich nehmen wollte, läßt sich trotzdem nichts in Erfahrung bringen.
Der Angestellte am Infostand in der Bahnhofsvorhalle ist mit der Situation hoffnungslos überfordert. Er blickt, offensichtlich verwirrt, abwechselnd zwischen der großen Anzeigetafel unter dem Hallendach und dem Bildschirm seines PCs hin und her. In unregelmäßigen Abständen berührt er mit spitzen Fingern einzelne Tasten des Keybords, fast wie in Erwartung eines tödlichen Stromschlags, und jede Frage, die an ihn gerichtet wird, beantwortet er stereotyp mit "nach Beuel". Man kann das gigantische Fragezeichen förmlich über seinem Kopf leuchten sehen.
Also weiter zum Bahnhofsvorplatz, wo zwei Angestellte an die Schlangestehenden Gutscheine verteilen. Zusammen mit anderen Reisenden geht es dann per Transfertaxi nach Beuel. Auf dem lokalen Bahnhof auf anderen Rheinseite schließlich verkehren zwar noch Züge, Informationen sind aber auch dort Mangelware. Deshalb gehe ich auf Nummer sicher, nehme den nächsten Regionalzug nach Köln HBF und von dort den nächsten ICE nach Berlin. Als ich mein Ziel endlich erreiche, wird meine Verspätung satte drei Stunden betragen. Das nächste Mal fliege ich, soviel ist sicher.
Anschließend die Messe selbst zu finden, stellt kein Problem dar. Den LinuxTag darin allerdings schon eher. Er ist in der Osthalle angesiedelt, Plakatierungen sind aber spärlich bis nicht vorhanden. Erst unmittelbar an den Messegebäuden wird man darauf aufmerksam. In einer Millionenstadt wie Berlin geht eine solch kleine Veranstaltung offenbar hoffnungslos unter. Erst, als ich
Peer Heinlein zufällig vor dem Aufgang zur U-Bahn-Station an der Messe antreffe, weiß ich als Ortsunkundiger, daß ich mich auf dem richtigen Weg befinden muß.
Drinnen verteilen sich die Stände der Aussteller über zwei Hallenbereiche. Es fällt sofort ins Auge, daß diesmal einige der sonst immer Anwesenden fehlen. Andere Stände fallen kleiner aus als noch im vergangenen Jahr. Dafür nehmen die von Google und Strato im Verhältnis überdimensional viel Raum ein. Der Trend zur Kommerzialisierung und geschäftlichen Ausrichtung hin ist nicht zu übersehen. Dazu wird später auch passen, daß auffällig viele Vorträge mit Firmenhinweisen und Werbung für diese versehen sind, selbst wenn sich diese in einem immer noch vertretbaren Rahmen bewegt. Die Aufforderung, sich an von Firmen initiierten offenen Projekten zu beteiligen, gerät meiner ganz persönlichen Meinung nach dadurch aber sehr schnell in die Gefahr, sich in Richtung des AAL¹-Prinzips zu bewegen. Von daher ist die allgemeine Entwicklung zwar durchaus verständlich, ebensosehr aber auch als fragwürdig zu betrachten.
Die Vortragsqualität bewegt sich auf dem üblichen Level. Das heißt, sie ist schwankend, insgesamt gesehen aber recht gut. Technische Pannen halten sich diesmal in Grenzen, so daß sich die Organisation in Hinblick auf die Vorträge im Großen und Ganzen etwas verbessert hat. Das Programm bietet nur wenige Highlights für mich, was aber durchaus daran liegen mag, daß ich inzwischen schon lange kein Einsteiger und Neuling mehr bin. Viele der Beiträge liegen deshalb inzwischen doch sehr spürbar unterhalb meines Wissensniveaus. Ansonsten sehe ich etliche bekannte Gesichter. Einmal befindet sich Alasdair G. Kergon (RedHat) im Publikum, der am Donnerstag selbst einen Vortrag hält.
Der guten Vortragsorganisation gegenüber steht der schon seit Jahren gültige Kritikpunkt, daß ausfallende Vorträge und dadurch entstehende Änderungen nicht deutlich genug gekennzeichnet werden. Dadurch erlebt man mehrfach, daß Besucher in einen Saal stolpern, in dem ein gänzlich anderer Vortrag als angekündigt und erwartet stattfindet. Die dadurch entstehende Unruhe ist jedes Mal auf's Neue sehr störend. Zwar ist es begrüßenswert, daß seitens der Veranstalter flexibel und schnell auf Ausfälle reagiert wird, doch gerade in diesem Jahr hätte sich dabei auch die gute Gelegenheit geboten, diese Änderungen auf den großen Informationstafeln im Foyer und im ersten Stock kenntlich zu machen.
Auch der Verzicht auf das sonst übliche Programmheft mit Vortragsübersicht und Raumplan erweist sich als Rückschritt. Die pro Tag an der Information ausgelegten DIN-A4-Zettel sind dafür kein adäquater Ersatz, weil sie die Vorausplanung über mehrere Tage erschweren. Ebenso ungünstig ist die Lage der Säle an den jeweils entgegengesetzten Enden der Halle. Mehrfach muß man für den Wechsel zwischen zwei Vorträgen sich zwischen Besuchern hindurchschlängelnd die gesamten beiden Hallen- und damit die Standbereiche durchqueren, um zum jeweils anderen Saal zu gelangen. Diese Wege sind dazu zu weit. Nicht auszudenken, wie das gewesen wäre, hätte nur etwas mehr Betrieb geherrscht.
Auffällig wenig Besucher verlieren sich in den Gängen. Der diesjährige LinuxTag ist äußerst schwach besucht. Nach meinem Eindruck dürfte es sich um die geringste Teilnehmerzahl seit fünf Jahren handeln. Das mag durchaus dem Umstand geschuldet sein, daß etliche politisch Engagierte aus Protest gegen die Schirmherrschaft Schäubles der Veranstaltung ferngeblieben sind. Womöglich zeitigen auch der G8-Gipfel und die ihn begleitenden Demonstrationen in Heiligendamm gewisse Auswirkungen. Ganz sicher aber trägt der erneute Ortswechsel von Wiesbaden nach Berlin spürbar dazu bei, daß sich die Besucherzahlen im direkten Vergleich zu denen der Vorjahre doch sehr deutlich in Grenzen halten.
Aus diesem Blickwinkel heraus ist es umso unverständlicher, daß die Veranstalter anschließend der Presse gegenüber
von einem vollen Erfolg sprechen. Sprechender waren jedenfalls die Gesichter einiger Veranstalter angesichts der fast leeren Gänge. Man muß nur die angegebene Besucherzahl einmal auf den Tag herunterrechnen, dann erreicht man etwa 300 Besucher pro Stunde - nicht eben viel für die "weltgrößte Linux-Expo und -Konferenz seit 1996". Darin mitgezählt worden dürften auch alle diejenigen sein, die so wie ich das Messegelände mehrfach am Tag verließen und wieder betraten. Auch die genannten Zufriedenheitswerte wurden eher spekulativ ermittelt: ausgewählte Besucher wurden um das Ausfüllen eines elektronischen Fragebogens gebeten, dessen Ausrichtung an sich schon nicht neutral war und etliche Beurteilungen bzw. Einschätzungen negativer Art von vorneherein gar nicht erst zuließ. Ebenfalls eine andere Sprache spricht das Gros der bisherigen Kommentare im Heise-Forum.
Quo vadis?
Was mich betrifft, werde ich angesichts der diesjährigen Eindrücke sehr gründlich darüber nachdenken müssen, ob ich auch im nächsten Jahr noch einmal zum LinuxTag kommen werden. Einerseits rechtfertigt die gebotene Qualität nur mehr schwer eine Anwesenheit über alle vier Tage, andererseits ist die Anreise für den Besuch eines einzelnen Veranstaltungstages deutlich zu teuer und viel zu aufwendig. Zumindest, sofern sich an Inhalt und Struktur des Ganzen bis nächstes Jahr nicht wesentlich etwas ändert. Hinzu kommt, daß, wie bereits erwähnt, viele Vorträge längst unterhalb meines Wissensniveaus angesiedelt sind. Vielleicht sollte ich ernsthaft in Erwägung ziehen, im Falle meines Erscheinens selbst einen Beitrag einzureichen.
Auch wenn ich auch dieses Jahr wieder Gelegenheit zu ausführlichen Gesprächen mit Ausstellern und Entwicklern hatte - unter anderem von
FreeWRT und
Tntnet - und mir der Vortrag von
Martin Michlmayr nicht nur wegen der Schilderungen der Portierungsschwierigkeiten von Debian auf Embedded Devices im Gedächtnis bleibt, ist mein Fazit mit "Zeitverschwendung" noch sehr höflich umrissen. Insgesamt betrachtet war dieser LinuxTag deshalb für mich ein kompletter Reinfall, wenig effizient und absolut nicht produktiv. Da ist es schon unnötig, noch gesondert hinzuzufügen, daß dies das schlechteste Ergebnis aller fünf Jahre darstellt.
[Updates]
• Im Heise-Forum kommentiert
Peer Heinlein den Beitrag und die Sicht eines der Aussteller. Ganz besonders die letzten beiden Absätze treffen aus meiner Perspektive den Nagel auf den Kopf. Denn ich bin einer dieser angesprochenen berufstätigen, professionellen Administratoren.
• Auf
Golem gibt es ein Interview mit Nils Magnus vom LinuxTag e. V., das, glaube ich, ebenso für sich spricht.
• Auch
Pro-Linux erwähnt das Ende des LinuxTag in einem kurzen Artikel.
¹
AAL =
Andere
Arbeiten
Lassen