Onkel Enzo ist ein netter Mann. Er lächelt freundlich, spricht mit kräftiger, sonorer Stimme und bleibt dabei stets verbindlich. Onkel Enzo vertreibt Waren; er ist Großhändler. Angefangen von der Registrierkasse über Tische und Stühle bis hin zum großen Ofen kann man bei ihm alles bekommen, was zum Betrieb einer Pizzeria nötig ist. Seine Restaurants wirken gemütlich und sehen vor allem immer gleich aus. Die Gäste wissen, was sie erwartet, wenn sie in eine der von Onkel Enzo eingerichteten Pizzerien essen gehen. Die Gerichte dort schmecken zwar nicht immer gut und noch längst nicht allen, dafür aber schmecken sie immer gleich. Deshalb kommen die meisten der Gäste wieder und wieder. Onkel Enzo weiß das.
Es ist nicht billig, ein Restaurant von ihm einrichten zu lassen. Onkel Enzo stellt dazu nämlich einige Bedingungen. Die Registrierkasse liefert er grundsätzlich ohne Schlüssel aus. Dieser Schlüssel wird benötigt, damit die Kassenschublade nach jedem Kassiervorgang eines Kellners wieder geschlossen werden kann. Natürlich läßt sich die Kasse jederzeit auch ohne Schlüssel bedienen. Aber dann bleibt ihre Schublade eben offenstehen, und der Inhalt ist für alle Gäste sichtbar.
Den Schlüssel hat Toni. Toni ist Oberkellner, spricht mit italienischem Akzent und gibt ihn nicht her. Man bekommt den Schlüssel zur Registrierkasse von Onkel Enzo nur, wenn man Toni einstellt. Dann bedient er die Kasse für einen, immer verbindlich, freundlich lächelnd, zuverlässig und präzise. Aber er telefoniert auch jeden Tag mit Onkel Enzo und verrät ihm, wieviel Geld in der Kasse ist und wie es verdient wurde. Zumindest scheint es so. Denn Onkel Enzo weiß immer ganz genau, wie die Geschäfte in den von ihm eingerichteten Restaurants noch viel besser laufen könnten.
Der große Ofen ist auch wichtig, denn ohne die richtige Temperatur gelingen die Pizzen nicht, und die Böden werden nicht knusprig. Onkel Enzo liefert immer das allerneuste Modell und sorgt auch gleich für eine regelmäßige Reinigung. Wenn der Ofen ausfällt, schickt er die dazu nötigen Ersatzteile und läßt ihn reparieren. Das muß man dann natürlich gesondert bezahlen. Aber der Ofen ist so kompliziert, daß seine Bedienung ohne Handbuch sehr, sehr schwierig ist. Selbstverständlich läßt sich der Ofen auch ohne Handbuch bedienen. Aber dann verbrennen die Pizzen fast immer, weil er dabei viel zu heiß wird.
Das Handbuch für den Ofen und das Rezept für die Pizza hat Sergio. Sergio spricht kein Wort Deutsch, flucht auf italienisch und gibt weder Handbuch noch Rezept aus den Händen. Wirklich eßbare Pizza läßt sich nur servieren, wenn man Sergio als Pizzabäcker einstellt. Dann steht er den ganzen Tag am Ofen und wirbelt den Pizzateig in der Luft herum, wirft ihn hoch und fängt ihn elegant wieder auf. Aber Sergio ist ein sehr gefragter Mann, und deshalb muß man Onkel Enzo eine regelmäßige Gebühr dafür bezahlen, daß er ihn vermittelt hat. Das sei nur fair. Finden zumindest Sergio und Onkel Enzo.
Onkel Enzo sorgt auch für die Sicherheit der von ihm eingerichteten Pizzerien. Das tut er sorgfältig und sehr gründlich. Regelmäßig schickt er Pietro und Carlo vorbei, damit sie dort jeweils nach dem rechten sehen. Pietro und Carlo tragen Trenchcoats mit lässig hochgeschlagenen Kragen und dunkle Sonnenbrillen, rauchen viel und sprechen wenig. Jedes Mal, wenn sie hereinschauen, werden ihnen extra Plätze ganz vorne an der Bar freigemacht, wo sie den Eingang im Blickfeld haben und wo jeder Gast sie sehen kann. Dort sitzen sie dann und trinken ihre Espressi. Die wiederum gehen natürlich, selbstverständlich wie immer, auf's Haus.
Diese Dienstleistung kostet nichts, solange man die Salami, das Obst und Gemüse, das Mehl und die Hefe für die Pizza bei Onkel Enzo einkauft und die Pizzen nach seiner Originalrezeptur herstellt. Denn Onkel Enzo ist freundlich und großzügig. Ihm liegt das Wohl seiner Kunden sehr am Herzen. Wenn man allerdings doch lieber auf den Wochenmarkt fährt oder beim preiswerteren Händler um die Ecke einkauft, ja, dann kommen Pietro und Carlo trotzdem regelmäßig vorbei, um einen Espresso zu trinken. Sobald sie gehen, erinnern sie den Gastwirt nachdrücklich daran, um wievieles günstiger die Preise bei Onkel Enzo sind und wieviel besser sein Service doch ist. Außerdem sei seine Ware frischer, das Obst gesünder und die Salami viel größer und dicker als bei der Konkurrenz.
Was haben Microsoft mit Onkel Enzo und Windows mit einer Pizza gemeinsam? Fragen wir Pietro:
Das sogenannte Genuine Advantage - bereits ein
Euphemismus in sich - war Bestandteil eines der letzten Sicherheits-Updates von Windows XP. Microsoft bemüht sich nach eigener Aussage darum, Software-Piraterie zu reduzieren. Dies gelingt dem Marktführer offenbar aber nicht. An dieser Stelle lassen sich wohl guten Gewissen dieselben Codes zugrundelegen, die auch für die Sprache von Arbeitszeugnissen zur Anwendung kommen. Demnach ist das Herausstreichen eines Bemühens gleichbedeutend mit dem Eingeständnis eines Versagens - meist sogar eines totalen, also einem auf der ganzen Linie.
Weil Microsoft vermutlich um Marktanteile fürchtet und die Software-Piraterie seiner Produkte nicht in den Griff bekommt, müssen ehrliche Kunden die Installation einer Software auf ihren Systemen dulden, die lediglich einem einzigen Zweck dient: festzustellen, daß sie ehrlich sind. Und nicht nur das, falls dies nach Ansicht des Automaten nicht zutrifft, soll der Benutzer solange mit regelmäßigen Warnungen vor "Sicherheitsrisiken" genervt werden, bis er geeignete "Maßnahmen" ergreift. Auf den Maschinen ehrlicher Kunden läuft also dauerhaft eine Software, die dauerhaft Ressourcen verbraucht. Nur zu dem einzigen Zweck, um sicherzustellen, daß sie auch weiterhin ehrlich sind und das auch bleiben.
Fragen an Pietro: Ist das ein Zeichen von Vertrauen? Wie hoch sind die Aussichten, daß ein Software-Pirat dieses Programm aus freien Stücken auf seinem Windows XP installiert? Und erfüllt es damit seinen Zweck?
Denn man hat die Wahl, die Installation der Software abzubrechen. Sie ist vollkommen freiwillig. Bricht man sie ab, verliert man damit allerdings die Update-Fähigkeit seines Windows. Nachfolgende Sicherheits-Updates lassen sich dann nicht mehr automatisch installieren. Aber das ist natürlich die volkommen freie Entscheidung des Einzelnen. (Ganz am Rande sei auf den
semantischen Unfug der Formulierung hingewiesen: "Wenn es sich bei Ihrer Windows-
Kopie um keine
Originalversion handelt ...")
Onkel Enzo hat aber noch eine weitere Überraschung für uns auf Lager:
Das heißt, je nach Gutdünken des Software-Giganten kann unsere bislang noch gültige Windows-Installation über Nacht plötzlich ungültig werden, wenn Microsoft seine Meinung ändert. Zumindest steht das dort. Es ist eine valide Interpretation des zweiten Absatzes aus dem obigen Requester. Sobald das mehr oder minder freiwillig installierte Prüfwerkzeug also "neue Informationen" nutzt, die "Microsoft zur Verfügung stellt", kann es auf den Gedanken verfallen, daß wir eine Fälschung betreiben - ob wir sie einmal legal erworben und rechtmäßig installiert haben oder nicht. Und komme mir nun keiner mit juristischen Spitzfindigkeiten. Hier genügt wahrhaftig etwas gesunder Menschenverstand, um Gängelung und Bevormundung zu erkennen.
Unsere brandneue,
aufrichtige Überlegenheits-Software verbraucht also nicht nur auf etwaigen Piraten-PCs Ressourcen und schnüffelt darauf herum. Nein, auch auf den Rechnern ehrlicher Kunden wird ein zeitgesteuerter Automatismus installiert, der letztlich nur eines demonstriert: die Unfähigkeit Microsofts, die Originalität, Unantastbarkeit und Nichtkopierbarkeit seiner Software sicherzustellen und gleichzeitig seinen ehrlichen Kunden zu vertrauen. Es ist ist ihnen gegenüber ein offenkundiges Mißtrauensvotum.
Möchten wir Onkel Enzo unser Vertrauen schenken?