Es ist immer wieder spannend,
Kris Köhntopp zu lesen.
Noch gestern abend nahm ich Bezug auf einen seiner Artikel, der mir seit knapp zwei Jahren im Gedächtnis geblieben ist. Keine Stunde später greift er
dessen Thema auf und erweitert es auf die ihm eigene, eloquente Art.
Er schreibt darin einen kurzen Satz, der in seiner Dichte den Kern dessen auf den Punkt bringt, was zur Verständnis von IT vonnöten ist:
Das Wesen aller IT ist die Kopie.
Man muß zunächst diesen einen Satz begreifen, um "das Internet" verstehen zu können. Man braucht ihn, um die Kommunikationswege und -mittel des Netzes verstehen zu können. Kris dehnt ihn daher logischerweise aus. Und weil Kommunikation ein nicht wegzudenkender Bestandteil unseres Lebens ist, berührt dieser Satz auch unsere Gesellschaft.
Letzlich erklärt er einem sogar, wie Kultur funktioniert: durch Kopieren, Nachahmen, Rearrangieren, Motivation zur Verbesserung und Inspiration zum Neuschaffen. Kaum ein Künstler der letzten paar Jahrhunderte, kaum ein Wissenschaftler war ein dermaßen göttliches Genie, daß er im vollkommen luftleeren Raum operieren konnte. Viele von ihnen griffen bei ihrer Arbeit auf Vorhandenes zurück, bauten darauf auf und schufen daraus etwas Neues. In der klassischen Musik wurden von Komponisten immer wieder Zitate in ihre Werke eingebaut. Beispielsweise weiß ich von Mozart, daß er populäre Volksweisen aufgriff. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte das heutige Abmahnwesen bereits damals existiert.
Wissen nutzt sich nicht ab, indem es weitergegeben wird. Die Kopie einer Information, also die Weitergabe von Wissen, ist das Wesen der modernen Welt. Ihre Unterdrückung wirkt sich dauerhaft hemmend und dadurch nachteilig aus auf die Entwicklung einer Gesellschaft. Darum sind alle Gedanken- und Geschäftsmodelle, die auf Zurückhalten und Wegschließen ausgerichtet sind, sehr langfristig betrachtet zum Scheitern verurteilt. Der Begriff "geistiges Eigentum" ist deshalb auch inhärenter Unsinn.
Wenn die Musikindustrie die Popkomm absagt und zur Begründung Raubkopierer anführt - ein ebenso unsinniger Begriff - zeigt das nur, wie zurückgeblieben und längst überholten Geschäftsmodellen verhaftet sie immer noch ist. Dabei wäre mehr als genug Zeit um Umdenken gewesen. Die Entwicklung des Netzes und der damit verbundenen Kulturformen war seit Jahren absehbar. Ebenso deutlich erkennbar ist der Trend weg vom "Besitzen" und "Behalten" von Informationen hin zu Dienstleistungen rund um ein bestimmtes Gebiet. Gefragt ist nicht mehr der Wert des Wissens an sich, sondern derjenige der Fähigkeit, damit umgehen und es effektiv einsetzen zu können. Es erschließen sich völlig neue Märkte, wenn man diesen Unterschied einmal begriffen hat.
In der Welt der Zurückgebliebenen existiert dieses Gedankenmodell nicht. Die ihre ist darauf ausgerichtet, eine Information ausdrucken, wegschließen und "behalten" zu können.
"Wir wissen nicht, wie wir mit ihnen reden sollen und wie wir ihnen unsere Welt erklären sollen", schreibt Kris. Weil wir, wie er kurz zuvor meint, keine gemeinsame Sprache haben. Das ist aber nicht der einzige Grund.
Ein weiterer ist, daß die Zurückgebliebenen sich anscheinend von der für sie rasant ablaufenden Entwicklung völlig überrumpelt fühlen. Sie reagieren darauf mit Trotz, Unverständnis, Ablehnung und der schon erwähnten
Xenophobie. Statt Interesse zu zeigen und einer Strategie der vorsichtigen Annäherung wählen sie eine der Kontrolle. Deshalb wählen wir sie nicht. Denn es mangelt ihnen an der nötigen Offenheit, an
Innovationsbereitschaft, an Visionen und damit schlicht an Zukunftsfähigkeit.