Dû bist mîn, ih bin dîn

25 09 2005

Dû bist mîn, ih bin dîn:
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist daz sluzzelîn:
dû muost och immer darinne sîn.

Chume, chum, geselle mîn,
ih enbîte harte dîn!
ih enbîte harte dîn,
chume, chum, geselle mîn.

Suozer roservarwer munt,
chum unde mache mich gesunt!
chum unde mache mich gesunt,
suozer roservarwer munt.

Ih wil trûren faren lân,
ûf die heide sul wir gân,
vil liebe gespilen mîn,
dâ seh wir der blumen schîn.

Ih sage dir, ih sage dir,
mîn geselle, chum mit mir!

Suziu minne, râme mîn,
mache mir ein krenzelîn,
daz sol tragen ein stolzer man,
der wol wîben dienen chan.


Frei und aus dem Mittelhochdeutschen in eine relativ moderne Sprache übersetzt:

Du bist mein, ich bin dein:
das soll dir gewiß sein.
Du bist verschlossen
in meinem Herzen,
verloren ist das Schlüsselein:
du mußt nun immer drinnen sein.

Komme, komm, Gefährte mein,
ich entbehre schrecklich dein!
ich entbehre schrecklich dein,
komme, komm, Gefährte mein.

Süßer, rosenfarbner Mund,
komm und mache mich gesund!
komm und mache mich gesund,
süßer, rosenfarbner Mund.

Ich will's Klagen bleiben lassen,
auf die Heide sollen wir gehn,
mein hochgeliebter Gespiele,
da sehen wir die Blumen schön.

Ich sage dir, ich sage dir,
mein Gefährte, komm mit mir!

Süßer Minne, [...] mein,
flechte mir ein Kränzlein,
das soll tragen ein stolzer Mann,
der gut Frauen dienen kann.

[Anonyme Verfasserin, 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts]

Dieses Gedicht wird des öfteren Walther von der Vogelweide (ca. 1170-1230) zugeschrieben. Es scheint aber sicher, daß es nicht von ihm stammt. Es findet sich als zusammenfassender deutscher Abschluß am Ende eines rhetorisch-gelehrten, ansonsten in lateinischer Sprache geschriebenen Liebesbriefes einer hochgestellten Dame und Nonne an ihren Lehrer, einen Kleriker. Thema des Briefes ist die "amicitia", die Freundschaft. Im darauffolgenden Brief wirbt der Geistliche um die Dame, die ihn aber in einem dritten Brief klar abweist - sie hat das Gedicht offenbar eher platonisch gemeint. Alle drei Briefe stammen aus einer Briefsammlung des Werinher von Tegernsee, die uns in einer um 1200 geschriebenen Handschrift erhalten ist (heute in der Münchner Universitätsbibliothek, Codex lat. 19411), in der eine ganze Reihe solcher Briefe stehen. Nach anderen stammt dieser Text aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Die Verfasserin ist im übrigen unbekannt. Teile des Inhalts tauchen auch in Carl Orffs Vertonung der Carmina Burana und wiederholt in mittelalterlichen Liedsammlungen auf. (Jens Walter Heckmann, Jukka Hoehe, weitere Quellen)

Bei der Übersetzung ist mir aufgefallen, daß ich eine altertümliche Sprache bevorzuge. Die zweite Zeile erschließt sich mir mit "des[sen] sollst du gewiß sein" vollkommen. Ebenso kann ich mit "ich will['s] Klagen fahren lassen", "viel lieber Gespiele mein" oder "der wohl Weibern dienen kann" etwas anfangen. Da ich aber bezweifle, daß jeder "fahren lassen" mit "aufhören mit", "viel" mit "besonders, hoch-", "wohl" mit "vortrefflich, gut" und "Weiber" ebenbürtig mit "Frauen" gleichsetzt, habe ich eine etwas freiere Fassung gewählt. Das Wort "trûren" sah ich auch schon falsch übertragen; es meint nicht Treue, sondern die höfische Klage. Einzig mit "râme" kann ich nichts anfangen und es daher leider auch nicht übersetzen. Ich bin eben bloß ein interessierter Laie, kein Fachmann fürs Mittelhochdeutsche. Für Hinweise wäre ich an dieser Stelle sehr dankbar.

Am Aufbau des Gedichts läßt sich erkennen, woher die heute als Kitsch bzw. schlechter sprachlicher Stil verpönte Unsitte stammt, Adjektive nachzustellen bzw. Verben in den vorderen Teil des Satzes zu ziehen. Sie wird leider gerne verwendet, um einem Text größeres Pathos und mehr Theatralik zu verleihen, das Reimen zu erleichtern oder ihn schlicht "mittelalterlicher" wirken zu lassen. (Besonders beliebt ist dies zum Beispiel bei den Liedtextern von Gothic- und Mittelalter-Bands.) Für diese Methode gibt es einen Fachbegriff, das mir aber gerade nicht einfällt. Was damals aufgrund der Sprachstruktur vollkommen korrekt und sinnvoll war, widerspricht den modernen Regeln der Grammatik und ist damit heute schlicht falsch. Ein Beispiel trage ich an dieser Stelle nach - sobald mir wieder einmal ein besonders grausames Exemplar von Sprachverhunzung über den Weg läuft.

[Update 2008-11-22]
Mit "Fachbegriff" meinte ich das postnominale Adjektiv. Es ist kaum ein Fachbegriff, sondern bloß eine andere Bezeichnung. An der Uni Freiburg gibt es Folien mit einigen Beispielen. Daraus geht übrigens auch hervor, daß seine Verwendung nicht "falsch" ist, wie ich oben schrieb. Es gibt dennoch Bereiche, in denen es, wie an einer Stelle vermerkt ist, "volkstümelnd" klingt. Einigen wir uns auf "sprachlich schlechter Stil". So schlecht, daß ich ihn als Sprachverhunzung empfinde.

Kommentare

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31 10 2007
#1 Anita Goinar (Antwort)

*Hab noch gute Erinnerungen an dieses Lied, als ich den Text meinem Liebsten zum Geschenk machte.
28 02 2009
#2 Haesito (Antwort)

*Ich habe die erste Strophe gerade in einem Buch gelesen. (bin deshalb auch auf die Seite gestoßen)
Fand das sehr schön dort im Zusammenhang.

lG.
04 05 2009
#3 blindtalamasca (Antwort)

*in der letzten strophe hast du du «rame min» ausgelassen ... der vollständigkeit halber ... lt. interpretationsansatz per wörterbuch ... könnte es «Herz mein» bedeuten ...
04 05 2009
#3.1 Sil53r (Antwort)

*Vielen Dank für die Ergänzung! Freut mich, weil ich mit dem Wort wirklich nichts anzufangen wußte.

Edit: Die einfachen spitzen Klammern in Deinem Kommentar habe ich durch doppelte ersetzt. Ihr Inhalt wäre sonst dem HTML-Filter zum Opfer gefallen. Ich hoffe, das war in Deinem Sinne.
27 05 2009
#3.1.1 rufus (Antwort)

*Die einfachen Klammern kann man mit den Befehlen < () darstellen falls du sie noch einmal gebrauchen solltest.
28 05 2009
#3.1.1.1 Sil53r Surf3r (Antwort)

*Das ist prinzipiell richtig. In Kommentaren werden HTML-Tags aber herausgefiltert und Entities nicht interpretiert.
21 04 2010
#4 Peter Krey (Antwort)

*Das Wort "ramen" oben in "Suesse Minne, ramen min" bedeutet zielen, trachten nach. Es ist ein schwaches Verbum mit gen.

peter krey

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