Niemand, den du liebst
06 12 2005weshalb die Sache mit der Ehrlichkeit so schrecklich kompliziert ist.
Statt einem direkt zu sagen: "Hey, ich mag dich nicht!",
lügt man dem andern lieber lächelnd ins Gesicht.
Man schlägt mir auf die Schulter und schwärmt von alten Zeiten
und beschwört all die Gemeinsamkeiten, die einen verbinden.
Doch ich kann da nichts finden, und das find ich schade.
Wenn ich mal genauer hinseh, seh ich bloß Fassade
und dahinter endlos leere Weiten -
die sogenannten schönen waren reichlich blinde Zeiten.
Macht es denn wirklich Spaß, den Gegenüber zu belügen?
Macht es denn wirklich soviel Spaß, andre zu betrügen?
Ohnehin haben Lügen reichlich kurze Beine,
sie zerren heftig an der Wahrheit, wie der Pitbull an der Leine.
Über das, was du dir wirklich denkst, hast du nie direkt gesprochen,
und jetzt kaust du auf der Wahrheit rum wie der Köter auf dem Knochen.
Der Brocken steckt dir quer im Hals, und du kannst ihn nicht schlucken,
hol doch tief Luft und spuck ihn aus! Willst du dich für immer ducken
und hinter Phrasendrescherei und Ausflüchten verstecken? Ich kann
den dicken Kloß in deinem Hals ohnehin ganz mühelos entdecken.
Irgendwann kommt deine wahre Meinung sowieso ans Licht.
Setz dir ruhig die Sonnenbrille auf. Die im Dunkeln sieht man nicht,
aber manchmal stammt die Finsternis bloß von den Scheuklappen vorm Kopf.
Und manche der Verhaltensweisen gleichen dem berühmten Zopf
der, ungewaschen und verfilzt, besser abgeschnitten würde.
Du trägst an deinen Flunkereien wie an einer schweren Bürde,
und ohne es zu merken, gehst du tief gebückt. Dabei ist es
bloß die Rolle, die du spielst, die dich so zu Boden drückt.
Glaubst du, mir imponieren die Phantastereien?
Glaubst du, ich könnte dir die Lügen noch verzeihen?
Letzlich spieln wir zwei doch bloß eine Scharade.
Du malst ein glamouröses Bild, und ich seh die Fassade
und dahinter endlos leere Weiten -
deine schnöde, bunte Welt sind bloß Vergänglichkeiten.
Wenn du auf Freundschaften so großen Wert legst, dann versteh
ich nicht, weshalb du die Einsamkeit so vor dir herträgst.
Letzten Endes kann mir das natürlich ganz egal sein,
dabei könntest du so leicht die allererste Wahl sein.
Irgendwie vermisse bei dir die Kongruenz; du führst ein
vorhersehbares Leben in fremdbestimmter Existenz.
Merkst du eigentlich, was du von dir und mir verlangst?
Ist es das wirklich, was du willst? Wovor hast du solche Angst?
Hey, du, hast du nichts besseres zu tun?
Und bevor du über mich ein Urteil fällst,
geh erstmal ein Stück in meinen Schuhn.
Das ist doch Schmuh, warum tust du dir das an?
Hey, du, sieh dich mal im Spiegel an!
Und dann sage mir, warum du dir das gibst.
Gibt es denn niemand, den du liebst?
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