Dunkel war's, der Mond schien helle

04 01 2006

Mit Musikzusammenstellungen, neudeutsch auch Compilations genannt, ist das so eine Sache. Bringt man divergierende Musikrichtungen und Künstler auf einem Album zusammen, können brillante Konvergenzen und sogar regelrechte Synästhesien daraus erwachsen. Wenn der Zusammenstellende mit etwas Musikverständnis sowie Gefühl bei der Sache ist und dazu noch ein Quentchen Glück hat, entsteht mitunter ein Ergebnis, das weitaus mehr ist als bloß die Summe einzelner Stücke.

Wenn man hingegen Pech hat, ist die Zusammenstellung wenig mehr als ein lieblos zusammengewürfelter Haufen zu Tode remixter Songs, angestaubter Sessionüberbleibsel oder sonstwie von den Künstlern für B- und C-Ware befundener Tracks, deren Großteil schleunigst in die nächstgelegene brennende Tonne getreten gehörte. Nur, daß respektable Ghettos hierzulande leider Gottes Mangelware sind. Und so wird das Restrohmaterial stattdessen eben schnell noch als Gratisbeilage zu Samplerbeiträgen verwurstet. "Geschnitten oder am Stück, und darf's auch ein bißchen mehr sein?", hört man den Musikmetzger fragen. Im Zweifelsfall handelt es sich bei dem "bißchen mehr" halt um ein bißchen mehr an Schrottwert.

Am schlimmsten sind diese CD-Beileger diverser Musikmagazine. Weil sie als Werbeträger für die Labels, Bands, Musiker und Künstler als auch für das Magazin gleichermaßen fungieren, müssen sie immer noch ein gewisses Durchschnittsniveau aufweisen. Das Recycling absoluter Abfalltracks verbietet sich demnach praktisch von selbst. Andererseits kann es sich niemand wirklich leisten, einen Spitzensong für derartige Compilations freizugeben. Denn dann kaufen die Kunden primär das Magazin, aber nicht, wie gewünscht, das Album. Also werden die Stücke vorzeitig ausgeblendet, durch den Mixer gejagt, bis am Ende akustisches Hackfleisch aus dem Hörer quillt oder es werden herumliegende Studioüberbleibsel als "extremely rare Demo-Version" feilgeboten. Dadurch dümpeln dann viele dieser Zusammenstellungen von Neuvorstellungen (die, wie eben gesagt, außerdem manchmal alles andere als wirklich neu sind) am Rande völliger Bedeutungslosigkeit dahin. Die eine oder andere Perle läßt sich sicherlich finden, aber das Horchen danach gestaltet sich bisweilen so prickelnd und aufregend wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen.

Nehmen wir einmal die Orkus Compilation 15 von Dezember 2005 / Januar 2006, die hier zufällig herumliegt. Sie beginnt mit "New Gold Dawn" von den soeben aus dem Totenreich wiederauferstandenen Fields of the Nephilim, was vom Orkus paradoxerweise als "Rückkehr einer Legende" gefeiert wird. (Paradox ist es jedenfalls, wenn man den Namen des Magazins in Betracht zieht, aber ich schweife ab.)
Beim Hören kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Sänger Carl McCoy womöglich bloß dringend Geld brauchte. Seine Stimme klingt, höflich gesagt, untrainiert. An die immerhin zehn Jahre zurückliegende hohe Zeit der Fields kann das Stück jedenfalls nicht einmal ansatzweise anknüpfen. Auch wenn es allerorten mit Lob überschüttet wird - nicht nur vom Orkus, muß man zu deren Ehrenrettung sagen - der Mann kann mehr. Oder konnte. Was damals innovativ und ideenreich erschien, wirkt heute bloß noch wie ein müder Abklatsch, wie ein schwacher Schatten einer dekadenalten Phantasie. Ohne unken zu wollen, blieben manche Tote vielleicht doch besser tot. Zum Beispiel, damit man sie in guter Erinnerung behält. Sonst auferstehen sie womöglich als geisterhafte Zombies. Auch dafür kann die Musikredaktion nichts. Aber ein Nephilim-Fan hört so etwas.

Weiter geht es mit Lacrimosa und "Road to Ruin". Damit hat Thilo Wolff mich außerordentlich überrascht. Auch wenn mich dessen egoverliebte, pathostriefende Selbstinszenierungen innerlich abstoßen, vergebe ich solch neckend-zärtliche Namen wie "Leckmichrosa" oder "Lacrimöschen" stets augenzwinkernd und mit einer stillen, tiefen Verbeugung vor dem Erfolg des Duos, das ich andererseits ebensosehr respektiere. Und das nicht allein für ihren Erfolg. Das Stück nimmt Heavy-Anleihen und fällt damit sehr ungewohnt aus. Zumindest ließen sich Lacrimosa auf Samplern bisher anhand des Bombast-Sounds immer leicht identifizieren, spätestens beim Einsetzen von Thilos Gesang. Diesmal ist das anders. Es war mir nicht aufgefallen, um wen es sich handelte. "Nicht schlecht, aber auch nicht gerade umwerfend", dachte ich, als ich nachsah. Als ich den Namen Lacrimosa las, warf es mich allerdings trotzdem um. Wenn der Rest des aktuellen Albums ebenso ausfällt, ja, dann... Dann könnte es sich hierbei womöglich um eine weitere Überraschung handeln.

Naio Ssaion, "The Mirror". Moment mal, diesen Refrain kenne ich doch? Tatsächlich! In der Tat ist die Hookline des Refrains komplett von Alanis Morissettes "You Oughta Know" geklaut. Unverschämtheit. In Zeiten endloser Coverversionen sollte einen das nicht weiter verwundern, aber zu glauben, das fiele nicht weiter auf, bloß weil deren Welthit gerade mal eine Dekade auf dem Buckel hat, ist eine Frechheit. Natürlich kann man Naio Ssaions Titel als Anspielung werten, aber das macht die Idee auch nicht sonderlich origineller. Zumal der Song lediglich als Vexierspiegel fungiert und ein verzerrtes, schwächeres Abbild des Originals wiedergibt. Beim ersten Durchlauf dachte ich unweigerlich, "das hast du irgendwo schon mal deutlich besser gehört!" Beim zweiten Anhören fiel mir ein, wo. Beim drittenmal ärgerte ich mich immer noch darüber.
Bitte, liebe Bands: wenn ihr Ideen übernehmt, dann erhöht sie über das Original. Wenn ihr das nicht schafft, tretet den Song getrost in die Tonne. Denn da gehört er dann nämlich hin. Es besser zu machen als das Original, ist eine Kunst. Aber sein hoffnungsloses Scheitern auch noch in Polykarbonat gepreßt einer desinteressierten Nachwelt dokumentiert zu hinterlassen, das grenzt schon an Ignoranz.

Wo Lilien blühn im finstern Mondeslicht
da willst du sein, doch bist du nicht


[Letzte Instanz, "Sonne"]

Aua.

Tief in meinem Herzen bin ich noch immer Goth. Ja, wirklich. Das gebe ich offen zu und schäme mich dessen nicht. Auch wenn ich nicht allerorten herumrenne und mich selbst als "Kind der Nacht" oder ähnlichen Kinderkram tituliere. Ich fresse auch keine Katzen, geschweige denn Knüppelreime. Und Nicknames wie "Mourner" (dessen Bedeutung witzigerweise kein Goth erfaßte, vollkommen der Szene fremde hingegen durchaus) und "Dr.Doom" beruhen auf Selbstironie. Sie beruhen außerdem auf der Notwendigkeit, innerhalb von Sekunden einen Nickname für das trillionste Registrierungsformular irgendeiner Community for whatsoever erfinden zu müssen. Aber das ist an und für sich nebensächlich. Dabei kommt schon einmal Blödsinn heraus. Was ja wiederum auch nicht ohne einen gewissen immanenten Humor ist.

Doch das hier, das tut weh. Das trifft mich in meinem Innersten. Nicht nur, daß Lilien meines Wissens nach in großer Zahl Tagblüher sind (Botaniker, vor!), die Metapher des finsteren Mondeslichts schlägt dem Sargdeckel der pittoresken Gruftiromantik fröhlich fiedelnd die Krone ins Gesicht, und zwar von hinten durch die Brust ins Auge. Als ein Blattschuß, sozusagen. Wer dergleichen Schwachsinnstexte verzapft, kann in der Tat wohl nur ziemlich sanft vom Mondlicht beschienen sein. Das helle Licht der Erkenntnis oder zumindest lyrische Virtuosität sind ihm dann jedenfalls nicht gerade mit in die Wiege gelegt worden. So lasse man denn lieber den textlichen Mantel des Schweigens über dieses ansonsten mit einem ohrwurmhaften Refrain versehene, ganz ordentliche Loblied auf unser Tagesgestirn breiten. Doch was um Himmels willen hat eine Laudatio an die Sonne auf einer Gothic-Compilation verloren? Das entzieht sich thematisch ein wenig meinem Verständnis. (Sorry. Diesen kleinen Seitenhieb konnte ich mir gerade nicht verkneifen.)

Falkenbach, "Heralder". "Ich bin böse"-Gebrüll an Grollgitarren. Nicht wirklich mein Ding, aber mit einem Quentchen Ironie und einer Prise Augenzwinkern genossen ganz lustig lecker.

Leaetherstrip. Claus Larsen ist zurück! Unverkennbar. Wenn einer in der heutigen Zeit noch einen Preis für innovatives Oldschool-EBM-Geboller mit kreativen Einsprengseln verdient - mit der Betonung auf "Sprengen" - dann er. Jedenfalls, was die Durchschlagskraft betrifft. "Sleep is only Heartbreak", meint er. Ich meine, gebt dem Mann recht und mindestens ein weiteres Leben! Dazu außerdem jegliches Elektrogerät, nach dem er verlangt. Er wird es leichthändig in Musik mit hohem Wiedererkennungswert verwandeln. Die dann zum Schlafen wahrlich nicht unbedingt geeignet ist, aber es gibt ja noch mehr Dinge, die man auf Nachtlagern treiben tun kann. Herzen brechen, beispielsweise. Womit wir wieder mal beim Thema wären.

Absurd Minds, "A man received the answer". Ja, und die lautet, daß der Stil so deutlich an Project Pitchfork zu "Endzeit"-Zeiten angelehnt ist, daß man das Stück glatt für eine Kopie halten könnte. Gesangstechnisch gesehen. Oh, Moment mal: textlich betrachtet auch. Denn beide drehen sich um die Sinnfrage nach der Herkunft bzw. Zukunft der Menschheit. Och, Leute, also wirklich... - das ist doch irgendwie absurd. Auch wenn mich das schon wieder ärgert, die Minds machen ihre Sache gut. Selbst wenn sowohl sie als auch PP nicht an die Klasse von Elektronikern wie Jarre oder Larsen heranreichen, nette Nebenhermusik, Badezimmer- oder Autobahnsoundtrack ist dieser Song allemal.

De/Vision, "The End": Wunderbar-Elektropop. Tanzbar, leichtfüßig, klasse. Ohrwurm-Effekt. Einfach anhören!

Und dabei will ich es auch für diesmal belassen. Es sind noch vier weitere Tracks auf der CD, aber die kann sich jeder selbst zu Gemüte führen und sich ein eigenes Urteil bilden. Was die Compilation als solche betrifft, halte ich diese hier sogar nicht einmal für die allerletzte Instanz unter der Sonne. Ein Stern unter den Zusammenstellungen ist sie allerdings auch nicht gerade. Einzig Naio Ssaions Spiegelfechterei ärgert mich wirklich. Doch ansonsten: Wohl bekomm's!

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