Das Seitenlimit

04 01 2006

These: "Was ein Autor auf 300 Seiten nicht auszudrücken vermag, das gelingt ihm auch auf 600 Seiten nicht." (Eigenzitat)

Mit diesem Satz pflege ich meiner ausgeprägten Abneigung gegenüber Romanen in Schinkenformat Ausdruck zu verleihen, die sich ursprünglich auf die Lektüre von Stephen Kings "Es" gründet. Ein Wälzer desjenigen Autoren, "der sich morgens beim Pinkeln mal eben einen Roman aus dem Ärmel schüttelt", wie ein Rezensent einmal launig bemerkte. Er hatte das als Kompliment gemeint. Ich hingegen faßte es als Wertung der literarischen Qualität von King-Romanen auf: bestenfalls Klolektüre, eben. Der Ausdruck paßt jedenfalls gut zu der häufig darin verwendeten Vulgärsprache. Ich meine, fluchbeladene Haushaltsgeräte, angriffslustige Toaster, Killer-Kaninchen und bösartige Autos in Erzählungen von epischer Breite - ich bitte sie! Sollte das wirklich Ernst sein? Kann man so etwas ernst nehmen?

Wenn's mir nur gruselte, wenn's mir nur gruselte! Aber der Schrecken, der sich bei King in der Bedrohlichkeit simpler Haushaltsgeräte manifestiert, dürfte seine allergrößte Wirkung wohl nur bei Amish People entfalten - möchte man zumindest meinen, falls man es wirklich nicht besser weiß. Einem den Errungenschaften der modernen Zivilisation gegenüber aufgeschlossenem Menschen dürften Kings Horrorszenarien über weite Strecken hinweg allenfalls ein müdes Lächeln entlocken. Immer wiederkehrende stilistische Strickmuster und aufgeblähte Nebenstränge der Handlung tun ein übriges, rasch Langeweile aufkommen zu lassen. Anhand des Beispiels von "Es" läßt sich dies sehr leicht verdeutlichen. Am Ende eines rund 860 Seiten starken Romans materialisiert sich das Böse in Form und Gestalt einer gigantischen Spinne. Wie furchterregend! Und welch eine abgenutzte Methode, an eine der archaischen Urängste des Menschen zu rühren.

Aber es funktioniert. In kommerzieller Hinsicht gibt ihm der Erfolg vollkommen recht, und mehr als das. King trifft einen Nerv, und er weiß ihn offenbar immer wieder zu treffen. Andererseits sind auch die Autorinnen und Autoren von Groschenromanen kommerziell extrem erfolgreich. Und auch sie treffen Nerven, wenn auch vermutlich nicht immer die beabsichtigten. Als Vermarktungsphänomen kann man den Autor King nur bewundern. Aber sagt das auch etwas über die literarisch Qualität seiner Werke aus?

Ebensoviel Vergnügen bereitete mir Marion Zimmer-Bradleys "Die Nebel von Avalon". Eine schreckliche Verwurstelung der Artussage und eine literarische Soap-Opera sondergleichen. Anstrengend zu lesen, weil man sich spätestens nach dem ersten Drittel damit abmühen mußte, überhaupt die Augen offenzuhalten. Nicht jeder findet großen Gefallen daran, mit der Einführung des xten Protagonisten die unweigerliche Erkenntnis heraufdämmern zu sehen, daß es eine sehr gute Idee gewesen wäre, schon ab Beginn der ersten Seite eine grundlegende Genealogie aller Charaktere mitzuzeichnen. Wenn ich eine epische Familiensaga lesen möchte, dann bevorzuge ich stattdessen Thomas Manns Buddenbrooks. Außerdem ist die wechselweise Mystifizierung und dann gleichzeitig wieder Banalisierung keltischer Ursprünge und Riten innerhalb des Romans stellenweise wahrlich schmerzhaft. Wenn man davon ausgeht, daß bereits "Die vier Zweige des Mabinogi" eine interpretierende Übersetzung keltischer Mythologien und walisischer Traditionen darstellen, dann sind die Anspielungen darauf in den "Nebeln von Avalon" bestenfalls noch als trivial zu bezeichnen. Alles übrige, das Gerüst der Geschichte, ist aus unzählichen Geschichten, Romanen und Filmen ohnehin längst bekannt.

Aufgrund der Erfahrung mit den "Nebeln von Avalon" habe ich mir "die Feuer von Troja" später geschenkt, weil ich meine Zeit nicht damit vergeuden wollte. Aber ich habe mir sagen lassen, daß beide Romane nach demselben Schema und Strickmuster aufgebaut sind, was meine damalige Befürchtung bestätigen würde. In der Tat war "Zeitverschwendung" einer der Begriffe, die ich hörte und die mich bis heute von einem eigenen Versuch abschrecken. Es ist zwar vielleicht nicht jedermanns Sache und zudem ein sehr unfairer Vergleich, stattdessen Gustav Schwabs "Sagen des klassischen Altertums" vorzuziehen. Als Jugendlicher aber habe ich eine frühe einbändige Gesamtausgabe dieses Werks geradezu verschlungen. Seither müssen sich im Altertum angesiedelte Romane und Filme von epischer Breite an ebendieser Vorlage messen lassen. Tut mir ja selbst manchmal schrecklich leid.

Als Herausgeberin von Anthologien hingegen bewies Marion Zimmer-Bradley immer großes Gespür für Atmosphäre und eine sehr geschickte Hand bei der Auswahl der Beiträge. Sowenig ich von ihr als Autorin halte, desto mehr schätze ich sie auf ebendiesem Gebiet. Die Kurzgeschichten aus "Schwertschester" oder "Zauberschwestern" beispielsweise sind allesamt einen Blick wert. Ich kann sie uneingeschränkt empfehlen.

Seit diesen Erfahrungen müssen sich alle Romane oberhalb des geschilderten Seitenlimits an diesen beiden - und ähnlichen - Beispielen beweisen. Nur sehr wenige Ausnahmen bestätigen dabei die Regel.

Kommentare

Ansicht der Kommentare: (Linear | Verschachtelt)
Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben


Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Gravatar/Pavatar/Favatar/Pavatar Autoren Bilder werden unterstützt.