Frank Schätzing: Der Schwarm

05 01 2006

Frank Schätzing: Der SchwarmVor Peru verschwindet ein Fischer. Spurlos. Norwegische Ölbohrexperten stoßen auf merkwürdige Organismen, die Hunderte Quadratkilometer Meeresboden in Besitz genommen haben. Währenddessen geht mit den Walen entlang der Küste British Columbias eine unheimliche Veränderung vor. Nichts von alledem scheint miteinander in Zusammenhang zu stehen. Doch Sigur Johanson, Biologe und Schöngeist, glaubt nicht an Zufälle. Auch der indianische Walforscher Leon Awanak gelangt zu beunruhigenden Schlüssen: Eine Katastrophe kündigt sich an. Die Suche nach dem Urheber konfrontiert die Forscher mit ihren schlimmsten Albträumen. (Klappentext)

Als ich bei der Bescherung am heiligen Abend mit einem Mal diesen Roman von Frank Schätzing in der Hand hielt, war meine erste Reaktion beim Lesen des Klappentextes ein innerliches Aufstöhnen: "Oh nein, nicht noch ein Öko-Thriller!" Mein Bruder sah zudem meinen skeptischen Blick angesichts des Umfangs von knapp 1000 Seiten und machte gleich eine Bemerkung, die auf meine Haltung gegenüber derartigen Wälzern anspielte. Meine "These" ist ihm natürlich bestens bekannt. Ungeachtet einer gewissen Skepsis schlug ich den Band dennoch auf und las die erste Seite - eins meiner Rituale. Zwanzig Seiten später hatte Schätzing mich. Nach einhundert Seiten wußte ich, daß ich dieses Buch lesenswert nennen würde.

Um es kurz zu machen, soweit es sich nach bislang rund 450 Seiten Vordringen in die Abgründe dieses Romans - und der Tiefsee, wovon ein großer Teil handelt - sagen läßt: Brillant. Ein meeresleuchtendes Spiel von Einfällen, geschildert in einer trotz des teilweise anspruchsvollen Hintergrundes leichten, flüssigen Sprache, die durch immer wieder geäußerte Bonmots der Protagonisten zusätzlichen Tiefgang gewinnt. Lesen.

Dennoch bestätigt sich in gewisser Weise das Seitenlimit auch hier. Ich kann mich daran erinnern, auf Seite 337 erstmals eine freiwillige Lesepause eingelegt zu haben. Grundlegender Gedanke dabei war, der Autor könne den Fluß der Handlung nun allmählich von den Klein- und Nebenschauplätzen weg in Richtung der zentralen Thematik lenken. "An allen Küsten der Welt treten Anomalien auf. Meerestiere verhalten sich artfremd. Es hat in zunehmendem Umfang Unfälle durch Übergriffe gegeben. Eine Katastrophe kündigt sich an und scheint unausweichlich. Sämtliche Ereignisse deuten darauf hin. Gut, das habe ich nun begriffen. Einzig die Fragen des Wie, des Wer und Warum bleiben noch offen." So in etwa waren meine Überlegungen.

Achtung, Spoiler:

Hinzu kommen leichte inhaltliche Schwächen. Vieles klingt glaubwürdig. Beispielsweise, daß ein Wal auf eine Trosse springt und dadurch einen Schlepper zum Kentern veranlaßt. Daß ein anderer Wal jedoch durch einen gezielten Schlag mit der Fluke ein - wenn auch tieffliegendes - Wasserflugzeug aus der Luft holt und damit "absichtlich" versenkt, wirkt zumindest auf mich ein wenig zu effektheischend und phantastisch. Es unterstellt diesem Tier Fähigkeiten, die es meiner Ansicht nach wirklich nicht besitzen kann. Natürlich habe ich keinerlei Ahnung, wie realistisch ein solches Szenario tatsächlich ist. Aber es erscheint mir selbst im Kontext der übrigen Gegebenheiten doch zumindest leicht absurd.

Ebenso stört mich das Entstehen eines Tsunamis. Beide Szenen zusammengenommen wirken auf mich, als seien sie in Hinblick auf ein mögliches Drehbuch angelegt worden. Man muß unweigerlich an die Medienberichte über den Tsunami im Indischen Ozean vom 26. Dezember 2004 denken und an einen der Hollywood-Katastrophenfilme aus der jüngeren Zeit, der eine globale Überschwemmung samt nachfolgender Eiszeit zum Thema hat. (Ich fand diesen Film derart belanglos, daß mir gerade nicht einmal mehr der Titel einfällt.) Auf der anderen Seite muß man auch einräumen, daß Entstehen, Auftreten und die Folgen eines Tsunamis quasi nebenher erläutert und dabei sehr plastisch und anschaulich beschrieben werden. Das wiegt die leichten Irritationen fast wieder auf. Zumal ein Tsunami angesichts der Gesamtthematik des Buches sowieso mehr als nahe liegt.

Ansonsten bliebe nur noch die gut dreiseitige Vorstellung eines der Charaktere zu nennen, die ich als überflüssig, langatmig und trocken empfand. Sie ist als Werdegang angelegt und hätte meiner Ansicht nach durch Rückblenden oder wörtliche Rede aufgelockert werden dürfen, zumal sie für die Entwicklung der Geschichte bislang nicht notwendig erscheint. Man erkennt dennoch sehr gut, auf welche reale Person sie zugeschnitten ist. Etwa in der Mitte des Romans angelangt, läßt sich dazu vorerst noch sagen, daß einige der Handlungsstränge durchaus kompakter hätten ausfallen dürfen und einige Nebenereignisse nicht unbedingt nötig scheinen. Insgesamt aber ist es ein echtes Vergnügen, diesen Roman zu lesen.

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