Leipziger Buchmesse
18 03 2006Über die Leipziger Buchmesse ist während der letzten Tage so viel berichtet worden, daß ich mir ausführliche Schilderungen und weitere Details an dieser Stelle schenken möchte. Die Veranstalter zeigten sich nach Medienberichten erfreut über den hohen, diesjährigen Besucherzuwachs. Als einer von diesen konnte ich deren Freude allerdings nicht recht teilen. Es mag sowieso der Wahnsinn schlechthin gewesen sein, die Messe ausgerechnet an einem Samstag besuchen zu wollen. Viel schwerer wiegt aber der Umstand, daß es, im Gegensatz zu Frankfurter Buchmesse, in Leipzig keine ausgewiesenen Fachbesuchertage gibt. So müssen sich letztere zusammen mit dem Strom der regulären Besuchermassen durch die Hallen schieben. Gelegenheit zu Gesprächen ergeben sich dadurch nur unter dem üblichen Messestreß und in zum Teil unerträglicher Unruhe.
Mißfallen hat mir neben der unsinnig, teilweise recht wirr und ungeordnet erscheinenden Aufteilung (Sachbuch und Belletristik jeweils verteilt über zwei separate Hallen?) besonders der LARP-, Anime- und Fantasybereich. Die Messehalle 2 und deren Umfeld waren zeitweise nicht mehr betretbar, weil sich Massen verkleideter Jugendlicher durch die Gänge schoben bzw. in Gruppen darin herumstanden sowie Ein- und Ausgänge blockierten. Die Luft war zum Schneiden dick, die Temperatur lag um etliche Grade über der in den anderen Hallen, und ein Besuch der Stände war über Stunden hinweg vollkommen unmöglich.
Nun habe ich nichts gegen Live-Rollenspieler, ich war selbst einmal einer. Comics, Science-Fiction und Fantasy lese ich nach wie vor. Dennoch hielt ich die Raumaufteilung für deplaziert. Klar, daß die anreisenden, jugendlichen Besucher unter den gegebenen Umständen die Halle und angrenzende Bereiche in Beschlag nahmen und in eine gigantische Rollenspiel- und Festivalarena verwandelten. Das sei ihnen auch gegönnt gewesen, zumal ich mich unter den geradezu inflationär auftauchenden Goths fast noch heimisch fühlte. Die Begegnungen zwischen der elitär herausgeputzten Literaten-Damenwelt und plateaubesohlten, halbnackten Lack-und-Leder-Gothbabes, die ihre flaumbehaarten Jünglinge an Hundehalsketten hinter sich herschleiften, waren außerdem äußerst belustigend zu beobachten. Dennoch bin ich der Ansicht, daß Animes als zum Medium Film gehörend auf einer Buchmesse nichts verloren haben. Unter den gegebenen Umständen der offensichtlichen Attraktivität dieses Bereichs wäre eine Auslagerung in eine separate Veranstaltung zudem überlegenswert gewesen.
Was bleibt, ist ein Eindruck einer Massenveranstaltung. Was sicher auch so beabsichtigt war. Wie eine lärmende, laute Veranstaltung, die unter schlechten akustischen Bedingungen teilweise qualitativ erbärmliche Rezitationen einer andrängenden Menge zu vermitteln sucht, die Besucher zum Lesen animieren soll, wird mir auch weiterhin ein Rätsel bleiben. Zu den unabdingbaren Voraussetzungen des Lesenkönnens zählen an sich innere Konzentration und äußere Stille. Beide dürften zumindest an diesem einen Tag an vielen Stellen Dinge der absoluten Unmöglichkeit gewesen sein. Nach meinem Eindruck war diese Messe nicht einmal zum Kauf von Büchern sonderlich geeignet, da auch zum Aussuchen eine gewisse Ruhe vonnöten ist. So schien mir die Leipziger Buchmesse überwiegend für Autoren, auch angehende, sowie für Verleger und hauptsächlich zur Selbstdarstellung interessant gewesen zu sein. Der sich daraus ergebende Jahrmarkt der Eitelkeiten ist allerdings schon wieder ein ganz eigenes Thema für sich.
Womöglich stelle ich nicht gerade den Phänotyp eines typischen Messebesuchers dar.
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