Galoppierende Paranoia
28 08 2006Allmählich geht mir die mentale Diarrhoe mediengekürter "Sicherheitsexperten" und ihrer Interviewer ganz gewaltig auf den Senkel. Wohin man den Blick auch wirft, fällt er auf Inkontinenz und grassierenden Unfug ohne Ende. Was da an Schmuh zusammengeschrieben wird, geht teilweise auf keine Kuhhaut. In diesem Fall ist es die Tagesschau, die mit einem panikschürenden Aufmacher so tief ins Klo gegriffen hat, daß es vermutlich bloß noch hülfe, die Schüssel zu zerschlagen.
Zunächst einmal ist ein Terrorismusexperte nicht zwangsläufig auch ein Sicherheitsexperte, wie der Tagesschau-Artikel suggeriert. Der Betreffende arbeitet zwar am Essener Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik. Das machte ihn aber maximal zum Experten für Sicherheitspolitik. Als "Sicherheitsexperten" in enger Verknüpfung mit dem Begriff Internet werden im allgemeinen Experten für Sicherheitstechnologien und -verfahren verstanden. Das ist ein vollkommen anderer Fachbereich. Die festgehaltenen Aussagen des Interviewten fördern im weiteren Verlauf des Artikels auch nicht eben den Eindruck, als sei dieser besonders sachkundig auf den letztgenannten Gebieten.
Desweiteren ist das als Schlagzeile verwendete Zitat "Internet ist Kaderschmiede des Terrors'' absoluter Humbug. Wie jedem auffallen muß, der auch nur im Entferntesten näher mit diesem Medium zu tun hat. Andernfalls könnte man mit geringem Rechercheaufwand mühelos die Begriffsdefinition des Wortes Kaderschmiede in der deutschen Wikipedia nachschlagen. Zieht man nun ein aus den Anfangszeiten des Internet stammendes, aber immer noch gültiges Zitat von Hubert Partl hinzu, "Internet ist das Ding mit den Kabeln. Usenet ist das Ding mit den Menschen.", dann wird schnell klar, wie inhaltsleer diese Worthülse ist. Man braucht nur das Wort Usenet durch World Wide Web zu ersetzen, falls man eine weitere Verdeutlichung oder einen Transport in die Neuzeit wünscht.
Der Artikel erweckt, ganz im Tenor sonstiger "Das-Internet-ist-böse"-Pamphlete, den unterschwelligen Eindruck, als sei das Internet dem Terrorismus förderlich. Der Terrorismusexperte selbst widerlegt diese mit der prominenten Herausstellung eine seiner Äußerungen suggerierte Botschaft hingegen im Kontext, indem er in aller Deutlichkeit sagt: "Wenn man das Internet von heute auf morgen komplett abstellen könnte, würde sich die Ideologie der Gewalt nicht erledigen. Sie würden ähnlich wie 2001 andere Wege finden." Das heißt, das Internet trägt absolut keine Schuld an der Präsenz des Terrors in der Welt. Es ist lediglich einer von vielen Wegen. Es ist bloß ein Transportmedium. Deshalb hülfe es auch nichts, auf dieser Ebene irgendetwas regulieren oder kontrollieren zu wollen. Das sollte man sich angesichts solcher Nachrichten bewußt machen.
Da sind sie wieder, die kleinen, aber feinen Unterschiede. Im Übrigen klingen die weiteren Feststellungen des Experten vernünftig. Meiner Meinung sind sie zutreffend. Sein Fazit lautet nach meinem Verständnis: Der Kampf gegen den dschihadistischen Terrorismus ist ein Kampf gegen eine gewalttätige Ideologie. Man kann ihn nicht mit einer Zensur technischer Mittel gewinnen.
Wir werden siegen mit dem Schwert des Geistes.
Damit ist weder ein Bibelzitat noch BluBo-Anrüchiges gemeint, sondern es ist der Schlußsatz des Buches "Das Schwert des Geistes" (The Sword of the Spirits) aus der Trilogie "Der Fürst von Morgen" von Samuel Youd. Sie handelt vom Scheitern zweier Technokratien und der Überlegenheit menschlicher Werte. Die nüchtern und schlicht erzählte Geschichte endet dennoch auf eine zutiefst deprimierende Weise.
Ein früherer Roman Youds, "Die Wächter" (The Guardians), thematisiert die unwissentliche Überwachung und Manipulation einer Bevölkerung und weist damit Anklänge an Orwells und Huxleys Romane auf. Er endet ähnlich tragisch wie der Film "Einer flog über's Kuckucksnest".
Trotzdem es sich dabei um Kinderbücher handelt, halte ich alle vier Romane für lesenswert.
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