Seitenschinder
12 02 2008Es ist wieder ein Schwergewicht geworden. Die gebundene deutsche Ausgabe des neuen Ken Follett, "Die Tore der Welt", Fortsetzung seines bereits 1990 erschienenen, ebenfalls nicht gerade dünnen Bestsellers "Die Säulen der Erde", ist sage und 1294 Seiten stark. Das kleinbedruckte Papier ist dabei außerdem dünner als sonst üblich. Ja, wer will denn solch einen Schinken noch lesen?
Ich behaupte mitunter: "Was ein Autor auf 300 Seiten nicht auszudrücken vermag, das gelingt ihm auch auf 600 Seiten nicht." Das ist eine pauschale Unterstellung und darum natürlich falsch. Aber damit beziehe ich mich auf eine anscheinend wachsende Tendenz zu regelrechten Wälzern bei bestimmten Genres. Manches davon mag man als Pulp Fiction und reine Unterhaltungsliteratur abtun. Dennoch scheint diese Entwicklung auch vor anspruchvolleren Gattungen nicht haltzumachen.
Über die Halbwertszeit von Werken wie der Trilogie "Die Gilde der schwarzen Magier" von Trudi Cavanan läßt sich beispielsweise sicher streiten. Einen Großteil von Stephen Kings Romanen könnte man vermutlich ohne nennenwerte Verluste um mindestens ein Drittel eindampfen. Wer sich einmal durch den ersten Band der Otherland-Saga von Tad Williams gequält hat, muß schon Eigenschaften wie große Anspruchlosigkeit und eine Engelsgeduld in sich vereinen sowie darüberhinaus notorische Langeweile und eine gehörige Portion Masochismus besitzen, um zu dessen Fortsetzung zu greifen. Bücher dieser Art sind bloße Popcorn-Literatur: aufgeblähter Text, der zwar vorübergehend den Geist füllt, aber den Hunger nach Inhalt nicht stillt.
Nehmen wir also ein anderes Beispiel. Jonathan Littells Ende dieses Monats auf Deutsch erscheinender Roman "Die Wohlgesinnten" beschreibt auf 1381 Seiten die fiktive Lebensgeschichte des schwulen SS-Offiziers Dr. iur. Max Aue. Das muß man betonen: Fiktiv! Biographie! Schwuler Offizier! Drittes Reich!
Nazis and sex! Als ob über das Dritte Reich nicht bereits genug fiktives geschrieben worden wäre. Während die einen - halb widerwillig, halb bewundernd - das Buch als polarisierende Weltliteratur feiern, sprechen andere von einem Produkt der "Hitler-Industrie". Was immer man als Leser insgesamt davon halten wird, selbst die positive Rezension erwähnt die streckenweise unerträglichen Längen darin. Muß ein Roman über das tausendjährige Reich zwangsläufig auf einen Stand jenseits der tausend Seiten aufgeblasen sein?
Ich wünsche mir wieder dichtere, kompaktere Werke. Eine reiche Sprache. Konzentrierte Texte ohne Füllsätze, überflüssige Nebenstränge und inhaltsleere, handlungsferne Kapitel. Bücher, die sich nach Antoine de Saint-Exupérys Satz richten, daß ein Text nicht dann vollkommen sei, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen könne. Ich möchte phantastische Literatur sehen, die den Mut aufbringt, das Ausmalen von Szenen und die Entwicklung auf Nebenschauplätzen der Phantasie ihrer Leser zu überlassen. Ich wünsche mir Gegenwartsliteratur, die sich nicht in Gefasel verliert oder in endlosen Repetitionen von Klischees und Standardelementen gefällt.
Noah Gordons aktueller Roman "Der Katalane", der im August diesen Jahres erscheinen wird, ist in der gebundenen deutschen Ausgabe 474 Seiten stark, bei dickem Papier und großem Druck. Es sieht ganz danach aus, als sei dies ein Buch, das ich gern zur Hand nehmen und mit Freude lesen werde.
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Kategorien : Buchwelt
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