Thriller
Originaltitel: Låt den rätte komma in
Bastei Lübbe
ISBN-13: 978-3-404-15755-6
In dem Stockholmer Vorort Blackeberg wird die Leiche eines Jungen gefunden. Sein Körper enthält keinen Tropfen Blut mehr. Alles deutet auf einen Ritualmörder hin. Noch ahnt niemand, was tatsächlich geschehen ist. Auch der zwölfjährige Oskar verfolgt fasziniert die Nachrichten. Wer könnte der Mörder sein? Und warum sind in der Nachbarwohnung die Fenster stets verhangen ... (Klappentext)
Mein persönlicher Favorit auf den
50. Nordischen Filmtagen in Lübeck war die
Verfilmung dieses Romans. Deshalb war ich auf das Buch so gespannt, daß ich es gleich von dort mitgenommen und noch auf der Rückfahrt zu lesen begonnen habe. Die Übersetzung des schwedischen Titels lautet übrigens in etwa "Laß den Richtigen herein". Weshalb werden für deutsche Publikationen eigentlich immer derart reißerische Bezeichnungen gewählt?
Um es gleich vorwegzunehmen: Das war keine gute Idee. Vielleicht hätte ich das gedankliche "Oh-oh!" beim Anblick des Verlages, indem es erscheint, ernster nehmen sollen. Jedenfalls fragte mich die Königin bei meiner Rückkehr sofort, was ich denn mit dem schrecklichen Buch, diesem miesen Thriller, wolle - während sie eine zweite Ausgabe davon aus ihrem Regal zog ... Die Bilder des Films noch vor dem geistigen Auge verstand ich zunächst nicht recht, was sie damit meinte. Nun, da ich es gelesen habe, kann ich ihr nur beipflichten.
Wenn man das Buch, wie der Klappentext suggeriert, als einen Kriminalroman liest, wird man zunehmend über Elemente stolpern, die nicht ins Genre passen wollen. Schließlich gelangt man an Stellen wie die folgende:
Dann stieß Håkan vorwärts und warf gleichzeitig seinen Kopf nach unten. Mit dem schmatzenden Laut eines Löffels, der in Brei gepresst wird, drang die Holzspitze in sein Auge.
Wer auf im Detail ausformulierten Splatter wie diesen Ausschnitt einer Vergewaltigungsszene steht, kommt in "So finster die Nacht" zumindest teilweise auf seine Kosten. Diese Schilderungen sind jedoch weder dem Fortgang der Handlung förderlich noch dienen sie irgendwelchen anderen als rein effektheischenden Zwecken. Manche von ihnen treten sogar in ansonsten recht gut ausgestaltete Szenen störend auf, wie unerwartete Blutspritzer auf einem Blumenbouquet.
Nach meinem Geschmack sind darin zuviele Einzelheiten enthalten. Dort, wo der Film durch Weglassen von Details glänzt und dem Zuschauer dadurch die Gelegenheit gibt, entstehende Freiräume mit seiner Phantasie zu füllen, erschlägt einen das Buch mit einer überfrachteten Fülle unnötiger Kleinigkeiten. Den feuchtglänzenden Schrecken frisch ausgeweideter Leichname zu schildern, gelingt anderen Schriftstellern deutlich besser. Allen voran Clive Barker mit seinen Büchern des Blutes.
Hinzu kommt, daß sich der Autor anscheinend nicht recht darauf festlegen kann, welche Art von Geschichte er eigentlich erzählen möchte. So wechseln Pubertätsprobleme, Sexuelle Identitätsfindung, Erste Liebe, Krimi-, Thriller-, Splatter- und Horror-Elemente einander in einem munterem Reigen ab, ohne eine eindeutige und klare Linie dabei erkennen zu lassen.
Diejenigen, die das Buch als Thriller lesen, wie es im Deutschen angekündigt wird, werden von einigen der anderen Elemente enttäuscht werden, zumal diese teilweise seitenlang abgehandelt werden. Spätestens das Umschlagen in eine Vampirgeschichte mit kurzen Anspielungen an den Stil von Anne Rice dürfte Irritationen hervorrufen.
Das Hauptproblem von "So finster ..." scheint mir neben einer fehlenden klaren Linie daher auch zu sein, das man sich stellenweise an andere Autoren und deren Erzählweise erinnert fühlt. Beim Lesen beschlich mich mehrmals der Eindruck, Ähnliches woanders bereits schon einmal gefunden zu haben. Zwei Autoren habe ich stellvertretend genannt.
Es ist selbstverständlich schwer, klischeeüberfrachtete Themen in einem neuen Licht erscheinen zu lassen und abgegriffene Geschichten neu zu erzählen. Was dem Film jedoch hervorragend und scheinbar mühelos gelingt, läßt das ihm zugrundeliegende Buch leider deutlich vermissen.
Ich gebe nur deshalb zwei Punkte, weil man beim Lesen immer wieder an Szenen des Films erinnert wird. Einige von ihnen sind mit nur geringen Abwandlungen ins Drehbuch übernommen worden. Die dadurch entstandene Visualisierung wertet das Buch unbeabsichtigt und rückblickend etwas auf.
Obwohl ich sonst von Buchverfilmungen nicht viel halte, gebe ich in diesem Fall die dringende Empfehlung ab, unbedingt zuerst den Film anzusehen! Besteht danach noch Interesse, kann man das Buch folgen lassen. Ansonsten zählt es nicht zu denjenigen, die man unbedingt gelesen haben sollte.
Meine Wertung: 2
Punkte ("kann man zweimal lesen")