Fundstück des Tages

24 03 2010

Nicht lange, und er fand im Dunkeln ein Exemplar des I Ging, trat damit an eine Stelle, wo die rosenfingrige Dämmerung verzweifelt an einem rußverkrusteten Fenster kratzte, und schlug das Hexagramm 19, Lin – Herannahen &ndash auf. Das Buch verbreitete sich ausführlich über die nicht auszulotende Bedeutsamkeit dieses Symbols, doch die einzige Bedeutung, auf die es Daniel ankam, war 000011, denn so ließ sich das Muster der unterbrochenen und nicht unterbrochenen Linien in binäre Schreibweise übersetzen. In dezimaler Schreibweise hieß das 3.
Neal Stephenson: Quicksilver, ISBN 978-3-442-54274-1, S. 967, Abs. 2

Für solche Sätze schätze ich Neal Stephenson. Wie sich anhand der Seitenzahl unschwer vermuten läßt, bin ich allmählich am Ende des ersten Bands des Barock-Zyklus angelangt. Den lese ich seines Umfangs wegen auf Deutsch. Zwar sind es Stephensons Bücher allemal wert, im englischen Original gelesen zu werden, zumal mindestens eine der Übersetzungen - die von Snow Crash - bemerkenswert schlecht ist, aber mein Lesetempo sinkt gegenüber dem Deutschen dann doch rapide. Wenn nur ein sehr schmales Zeitfenster überhaupt zur Verfügung steht, entscheidet der Unterschied zwischen 30 und 50 Seiten pro Tag dabei tatsächlich über die Wahl der Sprache.

Offene Türen

19 07 2009

Die Königin: (liest das heutige Line-up für das Amphi-Festival am Kölner Tanzbrunnen) "Jetzt habe ich mich doch glatt gefragt, wer zum Teufel eigentlich "Doors Open" ist..?!"






778

10 06 2009

"778", verkündet die Königin.

Denn es begab sich zu der Zeit, daß ein Gebot von der Büchereule ausging, daß alle Welt Bücher geschätzet würde(n). Da machte sich auf auch die Königin und schätzte nicht, sondern zählte die Bücher ihres Bestandes. Und das Buch der Bücher ist darin nicht einmal eingerechnet.
Das gehört nämlich mir.

[Update 11.06.2009] Die Königin besteht darauf, daß zwei der ihren ebenfalls Exemplare der Bibel sind. Ein weiteres ist eine Ausgabe des Korans.

John Ajvide Lindqvist: So finster die Nacht

17 11 2008

Thriller

Originaltitel: Låt den rätte komma in

Bastei Lübbe
ISBN-13: 978-3-404-15755-6


In dem Stockholmer Vorort Blackeberg wird die Leiche eines Jungen gefunden. Sein Körper enthält keinen Tropfen Blut mehr. Alles deutet auf einen Ritualmörder hin. Noch ahnt niemand, was tatsächlich geschehen ist. Auch der zwölfjährige Oskar verfolgt fasziniert die Nachrichten. Wer könnte der Mörder sein? Und warum sind in der Nachbarwohnung die Fenster stets verhangen ... (Klappentext)

Mein persönlicher Favorit auf den 50. Nordischen Filmtagen in Lübeck war die Verfilmung dieses Romans. Deshalb war ich auf das Buch so gespannt, daß ich es gleich von dort mitgenommen und noch auf der Rückfahrt zu lesen begonnen habe. Die Übersetzung des schwedischen Titels lautet übrigens in etwa "Laß den Richtigen herein". Weshalb werden für deutsche Publikationen eigentlich immer derart reißerische Bezeichnungen gewählt?

Um es gleich vorwegzunehmen: Das war keine gute Idee. Vielleicht hätte ich das gedankliche "Oh-oh!" beim Anblick des Verlages, indem es erscheint, ernster nehmen sollen. Jedenfalls fragte mich die Königin bei meiner Rückkehr sofort, was ich denn mit dem schrecklichen Buch, diesem miesen Thriller, wolle - während sie eine zweite Ausgabe davon aus ihrem Regal zog ... Die Bilder des Films noch vor dem geistigen Auge verstand ich zunächst nicht recht, was sie damit meinte. Nun, da ich es gelesen habe, kann ich ihr nur beipflichten.

Wenn man das Buch, wie der Klappentext suggeriert, als einen Kriminalroman liest, wird man zunehmend über Elemente stolpern, die nicht ins Genre passen wollen. Schließlich gelangt man an Stellen wie die folgende:

Dann stieß Håkan vorwärts und warf gleichzeitig seinen Kopf nach unten. Mit dem schmatzenden Laut eines Löffels, der in Brei gepresst wird, drang die Holzspitze in sein Auge.

Wer auf im Detail ausformulierten Splatter wie diesen Ausschnitt einer Vergewaltigungsszene steht, kommt in "So finster die Nacht" zumindest teilweise auf seine Kosten. Diese Schilderungen sind jedoch weder dem Fortgang der Handlung förderlich noch dienen sie irgendwelchen anderen als rein effektheischenden Zwecken. Manche von ihnen treten sogar in ansonsten recht gut ausgestaltete Szenen störend auf, wie unerwartete Blutspritzer auf einem Blumenbouquet.

Nach meinem Geschmack sind darin zuviele Einzelheiten enthalten. Dort, wo der Film durch Weglassen von Details glänzt und dem Zuschauer dadurch die Gelegenheit gibt, entstehende Freiräume mit seiner Phantasie zu füllen, erschlägt einen das Buch mit einer überfrachteten Fülle unnötiger Kleinigkeiten. Den feuchtglänzenden Schrecken frisch ausgeweideter Leichname zu schildern, gelingt anderen Schriftstellern deutlich besser. Allen voran Clive Barker mit seinen Büchern des Blutes.

Hinzu kommt, daß sich der Autor anscheinend nicht recht darauf festlegen kann, welche Art von Geschichte er eigentlich erzählen möchte. So wechseln Pubertätsprobleme, Sexuelle Identitätsfindung, Erste Liebe, Krimi-, Thriller-, Splatter- und Horror-Elemente einander in einem munterem Reigen ab, ohne eine eindeutige und klare Linie dabei erkennen zu lassen.

Diejenigen, die das Buch als Thriller lesen, wie es im Deutschen angekündigt wird, werden von einigen der anderen Elemente enttäuscht werden, zumal diese teilweise seitenlang abgehandelt werden. Spätestens das Umschlagen in eine Vampirgeschichte mit kurzen Anspielungen an den Stil von Anne Rice dürfte Irritationen hervorrufen.

Das Hauptproblem von "So finster ..." scheint mir neben einer fehlenden klaren Linie daher auch zu sein, das man sich stellenweise an andere Autoren und deren Erzählweise erinnert fühlt. Beim Lesen beschlich mich mehrmals der Eindruck, Ähnliches woanders bereits schon einmal gefunden zu haben. Zwei Autoren habe ich stellvertretend genannt.

Es ist selbstverständlich schwer, klischeeüberfrachtete Themen in einem neuen Licht erscheinen zu lassen und abgegriffene Geschichten neu zu erzählen. Was dem Film jedoch hervorragend und scheinbar mühelos gelingt, läßt das ihm zugrundeliegende Buch leider deutlich vermissen.

Ich gebe nur deshalb zwei Punkte, weil man beim Lesen immer wieder an Szenen des Films erinnert wird. Einige von ihnen sind mit nur geringen Abwandlungen ins Drehbuch übernommen worden. Die dadurch entstandene Visualisierung wertet das Buch unbeabsichtigt und rückblickend etwas auf.

Obwohl ich sonst von Buchverfilmungen nicht viel halte, gebe ich in diesem Fall die dringende Empfehlung ab, unbedingt zuerst den Film anzusehen! Besteht danach noch Interesse, kann man das Buch folgen lassen. Ansonsten zählt es nicht zu denjenigen, die man unbedingt gelesen haben sollte.

Meine Wertung: 2 Punkte ("kann man zweimal lesen")

Seitenschinder

12 02 2008

Es ist wieder ein Schwergewicht geworden. Die gebundene deutsche Ausgabe des neuen Ken Follett, "Die Tore der Welt", Fortsetzung seines bereits 1990 erschienenen, ebenfalls nicht gerade dünnen Bestsellers "Die Säulen der Erde", ist sage und 1294 Seiten stark. Das kleinbedruckte Papier ist dabei außerdem dünner als sonst üblich. Ja, wer will denn solch einen Schinken noch lesen?

Ich behaupte mitunter: "Was ein Autor auf 300 Seiten nicht auszudrücken vermag, das gelingt ihm auch auf 600 Seiten nicht." Das ist eine pauschale Unterstellung und darum natürlich falsch. Aber damit beziehe ich mich auf eine anscheinend wachsende Tendenz zu regelrechten Wälzern bei bestimmten Genres. Manches davon mag man als Pulp Fiction und reine Unterhaltungsliteratur abtun. Dennoch scheint diese Entwicklung auch vor anspruchvolleren Gattungen nicht haltzumachen.

Über die Halbwertszeit von Werken wie der Trilogie "Die Gilde der schwarzen Magier" von Trudi Cavanan läßt sich beispielsweise sicher streiten. Einen Großteil von Stephen Kings Romanen könnte man vermutlich ohne nennenwerte Verluste um mindestens ein Drittel eindampfen. Wer sich einmal durch den ersten Band der Otherland-Saga von Tad Williams gequält hat, muß schon Eigenschaften wie große Anspruchlosigkeit und eine Engelsgeduld in sich vereinen sowie darüberhinaus notorische Langeweile und eine gehörige Portion Masochismus besitzen, um zu dessen Fortsetzung zu greifen. Bücher dieser Art sind bloße Popcorn-Literatur: aufgeblähter Text, der zwar vorübergehend den Geist füllt, aber den Hunger nach Inhalt nicht stillt.

Nehmen wir also ein anderes Beispiel. Jonathan Littells Ende dieses Monats auf Deutsch erscheinender Roman "Die Wohlgesinnten" beschreibt auf 1381 Seiten die fiktive Lebensgeschichte des schwulen SS-Offiziers Dr. iur. Max Aue. Das muß man betonen: Fiktiv! Biographie! Schwuler Offizier! Drittes Reich!
Nazis and sex! Als ob über das Dritte Reich nicht bereits genug fiktives geschrieben worden wäre. Während die einen - halb widerwillig, halb bewundernd - das Buch als polarisierende Weltliteratur feiern, sprechen andere von einem Produkt der "Hitler-Industrie". Was immer man als Leser insgesamt davon halten wird, selbst die positive Rezension erwähnt die streckenweise unerträglichen Längen darin. Muß ein Roman über das tausendjährige Reich zwangsläufig auf einen Stand jenseits der tausend Seiten aufgeblasen sein?

Ich wünsche mir wieder dichtere, kompaktere Werke. Eine reiche Sprache. Konzentrierte Texte ohne Füllsätze, überflüssige Nebenstränge und inhaltsleere, handlungsferne Kapitel. Bücher, die sich nach Antoine de Saint-Exupérys Satz richten, daß ein Text nicht dann vollkommen sei, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen könne. Ich möchte phantastische Literatur sehen, die den Mut aufbringt, das Ausmalen von Szenen und die Entwicklung auf Nebenschauplätzen der Phantasie ihrer Leser zu überlassen. Ich wünsche mir Gegenwartsliteratur, die sich nicht in Gefasel verliert oder in endlosen Repetitionen von Klischees und Standardelementen gefällt.

Noah Gordons aktueller Roman "Der Katalane", der im August diesen Jahres erscheinen wird, ist in der gebundenen deutschen Ausgabe 474 Seiten stark, bei dickem Papier und großem Druck. Es sieht ganz danach aus, als sei dies ein Buch, das ich gern zur Hand nehmen und mit Freude lesen werde.

Ruth Rendell: Mancher Traum hat kein Erwachen

27 12 2006

Ruth Rendell: Mancher Traum hat kein ErwachenAllan Goombridge fristet ein wahrhaft tristes Dasein. Als Leiter einer winzigen Bankfiliale sieht ein Arbeitstag aus wie der andere, er ist mit einer Frau verheiratet, die er in Wahrheit nicht leiden kann, sein Schwiegervater ist ein Ekel, und über seine Kinder mag er gar nicht erst nachdenken. So flüchtet sich der unterdrückte Familienvater in eine Welt der Bücher - bis eines Tages seine Bank überfallen wird. Was die Gauner nicht wissen können: Auch der brave Allan hat die Taschen voller Geld - und ergreift die Chance seines Lebens ... (Klappentext)

Ein völlig unvorhergesehenes Ereignis, und ein eingefahrener, zum trägen Alltag gewordener Tagesablauf samt dem dazugehörigen Leben brechen auseinander. Skurrile Charaktere, deren menschliche Seite nicht zu kurz kommt. Der eigentliche Krimi jedoch spielt sich fern aller Orte ab, an dem Verbrechen begangen werden ... Spannend, unterhaltsam und lesenswert.

Meine Wertung:  •••

Jamila Gavin: Die Stimmen des Waldes

19 09 2006

Jamila Gavin: Die Stimmen des WaldesEngland im 18. Jahrhundert. Der 14-jährige Meshak zieht an der Seite seines Vaters Otis Gardiner als Hausierer durchs Land. Doch Otis ist kein gewöhnlicher Händler. Getrieben von Geldgier hat er sich dem dunkelsten aller Geschäfte verschrieben: dem Handel mit Kindern. Meshak ist Teil des Ganzen und wird von Schuldgefühlen gequält. Und so nimmt er schließlich Reißaus, um eines der Kinder vor einer mehr als ungewissen Zukunft zu retten. Er ahnt nicht, was das Schicksal für ihn und seinen Schützling bereithält. Bis die Vergangenheit sie einholt ... (Klappentext)

"Ein ausgezeichneter historischer Roman", urteilte die Times. Das trifft es meiner Meinung nach auf den Punkt. Jamila Gavin bedient sich einer warmen, lebendigen Sprache und breitet die Handlung zielstrebig, aber ohne Hast vor ihren Lesern aus. Obwohl es sich hierbei um einen Jugendroman handelt, ist dieses Buch auch für Erwachsene durchaus lesenswert. Es erinnert an die dunkle Zeit, als Kinder in der Welt der Erwachsenen praktisch wertlos und ohne jede Rechte waren. Und daran, daß Menschenhandel, Kindesmißbrauch und Kinderprostitution nicht erst Erfindungen der Neuzeit sind.

"Familien-Saga über Liebe, Verrat und einen großen Traum", meint der Verlag dazu. Stimmt. - Bereits am Sonntagnachmittag mit großem Vergnügen gelesen. Ohne Unterbrechung.

Meine Wertung:  •••

Deutsches Bildungssystem? Welches deutsche Bildungssystem?

13 09 2006

Werbeplaket einer Buchhandlung, LeipzigEiner aktuellen OECD-Studie zufolge hinken nicht nur internationale Vergleiche, sondern auch das deutsche Bildungssystem. Paranoikern und Auguren zufolge ist es schon etwas länger fuß- und lendenlahm. Ungefähr geschätzte zwei bis zweieinhalb Jahrzehnte. Aber was soll man auch machen, wenn selbst Buchhandlungen obskure Plakate wie das nebenstehende ins Schaufenster hängen, während sich drinnen Dialoge wie der folgende abspielen, der aus zuverlässiger Quelle kolportiert wurde:

Kommt heute Nachmittag ein Mädel, blond, Modepüppchen, zu mir. Ihr Handy aufgeklappt in der Hand. "Ich suche ... äh ... äh Antidone."

Ich versetze meine grauen Zellen in Aktivität. "Anti-do-ne?!" (Extreme Betonung auf den letzten Silben)

Sie schaut auf ihr Handy: "Antidone."

Ich zweifle an mir selbst, gebe das vorsichtshalber mal in den PC ein. Der zeigt keine Reaktion. Man möchte seine Kunden ja nicht verbessern, aber das ...
"Meinen sie vielleicht 'Antigone', von Sophokles?"

Sie schaut mich an, als sei ich vom Mars. "Äh ... weiß nich. Soll ich nur mitbringen. Zeigen sie mal her."

Ich hole den Titel aus dem Regal.

Das Mädel besieht sich das Buch und kommt zu dem Schluß: "Das wird das sein. Da habe ich mich halt verhört."

Und bezahlt 1,30 € mit EC-Karte - mit der Karte von der Freundin.


Aber auch in schriftlicher Form klappt die Kommunikation nicht unbedingt besser. Eine Bad Godesberger Buchhandlung bewarb neulich den jüngsten Roman von Frank McCourt mit einem Plakat, dessen Text wie folgt lautete:

"Für alle Fans von 'Die Asche meiner Mutter'! Der neue Frank McCourt ist da!"

Toilettenkritzelei, Flughafen FrankfurtWenn also selbst aus Buchhandlungauslagen ein sprachliches Feingefühl dröhnt, daß förmlich die Fensterscheiben klirren und Vorbeigehende sich unwillkürlich krümmen - ob vor Schmerzen oder Lachen, sei einmal dahingestellt - dann braucht es nicht weiter zu verwundern, wenn es auf stillen Örtchen nicht viel besser aussieht. Wenigstens krümmt man sich dort freiwillig. Meistens, jedenfalls. Manchmal aber sind es nicht alleine Altershürden, die eine Verständigung verhindern.

What Type of Writer Should You Be?

10 09 2006


You Should Be a Film Writer
Film
You don't just create compelling stories, you see them as clearly as a movie in your mind. You have a knack for details and dialogue. You can really make a character come to life. Chances are, you enjoy creating all types of stories. The joy is in the storytelling. And nothing would please you more than millions of people seeing your story on the big screen!

Eigentlich finde ich solche Quizs in der überwiegenden Mehrheit albern. An diesem Ergebnis ist allerdings interessant, daß die Kurzgeschichte, an der ich zur Zeit schreibe (und vermutlich noch etwas länger schreiben werde), auf genau die geschilderte Art und Weise entsteht. Ich entwickle Bilder und "Filmszenen", die erst dann, wenn sie mir aussagekräftig erscheinen, schriftlich skizziert werden. Daraus entsteht ein Handlungsverlauf (Film: "Storyline"). Sobald dieser in sich schlüssig ist, werden die einzelnen Szenen detailliert ausgearbeitet. Ob diese Arbeitsweise besser oder schlechter ist als andere, wage ich nicht zu beurteilen. Auch nicht, ob sie überhaupt brauchbare Ergebnisse liefern kann. Aber das ist auch gar nicht der Punkt. Überrascht hat mich hierbei das zufällige Zusammentreffen des Quizergebnisses mit meiner derzeitigen Vorgehensweise. Einzig dem letzten Satz kann ich ganz und gar nicht zustimmen. Denn erstens wäre mir das nun wirklich eine Nummer zu groß, und zweitens möchte ich doch sehr stark annehmen, daß weder mein Humor noch meine Phantasie wirklich massenkompatibel sind.

(via artificial)

P.S.: Und es nervt, wenn man anderer Leute HTML entkäfern muß. Vor allem, wenn bloß derartige Winzschnipsel produziert werden. Lest die verdammten Specs, Herrgottnochmal! W3C existiert. Webstandard-Analphabeten, alle miteinander. Argh...

Galoppierende Paranoia

28 08 2006

Allmählich geht mir die mentale Diarrhoe mediengekürter "Sicherheitsexperten" und ihrer Interviewer ganz gewaltig auf den Senkel. Wohin man den Blick auch wirft, fällt er auf Inkontinenz und grassierenden Unfug ohne Ende. Was da an Schmuh zusammengeschrieben wird, geht teilweise auf keine Kuhhaut. In diesem Fall ist es die Tagesschau, die mit einem panikschürenden Aufmacher so tief ins Klo gegriffen hat, daß es vermutlich bloß noch hülfe, die Schüssel zu zerschlagen.

Zunächst einmal ist ein Terrorismusexperte nicht zwangsläufig auch ein Sicherheitsexperte, wie der Tagesschau-Artikel suggeriert. Der Betreffende arbeitet zwar am Essener Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik. Das machte ihn aber maximal zum Experten für Sicherheitspolitik. Als "Sicherheitsexperten" in enger Verknüpfung mit dem Begriff Internet werden im allgemeinen Experten für Sicherheitstechnologien und -verfahren verstanden. Das ist ein vollkommen anderer Fachbereich. Die festgehaltenen Aussagen des Interviewten fördern im weiteren Verlauf des Artikels auch nicht eben den Eindruck, als sei dieser besonders sachkundig auf den letztgenannten Gebieten.

Desweiteren ist das als Schlagzeile verwendete Zitat "Internet ist Kaderschmiede des Terrors'' absoluter Humbug. Wie jedem auffallen muß, der auch nur im Entferntesten näher mit diesem Medium zu tun hat. Andernfalls könnte man mit geringem Rechercheaufwand mühelos die Begriffsdefinition des Wortes Kaderschmiede in der deutschen Wikipedia nachschlagen. Zieht man nun ein aus den Anfangszeiten des Internet stammendes, aber immer noch gültiges Zitat von Hubert Partl hinzu, "Internet ist das Ding mit den Kabeln. Usenet ist das Ding mit den Menschen.", dann wird schnell klar, wie inhaltsleer diese Worthülse ist. Man braucht nur das Wort Usenet durch World Wide Web zu ersetzen, falls man eine weitere Verdeutlichung oder einen Transport in die Neuzeit wünscht.

Der Artikel erweckt, ganz im Tenor sonstiger "Das-Internet-ist-böse"-Pamphlete, den unterschwelligen Eindruck, als sei das Internet dem Terrorismus förderlich. Der Terrorismusexperte selbst widerlegt diese mit der prominenten Herausstellung eine seiner Äußerungen suggerierte Botschaft hingegen im Kontext, indem er in aller Deutlichkeit sagt: "Wenn man das Internet von heute auf morgen komplett abstellen könnte, würde sich die Ideologie der Gewalt nicht erledigen. Sie würden ähnlich wie 2001 andere Wege finden." Das heißt, das Internet trägt absolut keine Schuld an der Präsenz des Terrors in der Welt. Es ist lediglich einer von vielen Wegen. Es ist bloß ein Transportmedium. Deshalb hülfe es auch nichts, auf dieser Ebene irgendetwas regulieren oder kontrollieren zu wollen. Das sollte man sich angesichts solcher Nachrichten bewußt machen.

Da sind sie wieder, die kleinen, aber feinen Unterschiede. Im Übrigen klingen die weiteren Feststellungen des Experten vernünftig. Meiner Meinung sind sie zutreffend. Sein Fazit lautet nach meinem Verständnis: Der Kampf gegen den dschihadistischen Terrorismus ist ein Kampf gegen eine gewalttätige Ideologie. Man kann ihn nicht mit einer Zensur technischer Mittel gewinnen.

Wir werden siegen mit dem Schwert des Geistes.

Damit ist weder ein Bibelzitat noch BluBo-Anrüchiges gemeint, sondern es ist der Schlußsatz des Buches "Das Schwert des Geistes" (The Sword of the Spirits) aus der Trilogie "Der Fürst von Morgen" von Samuel Youd. Sie handelt vom Scheitern zweier Technokratien und der Überlegenheit menschlicher Werte. Die nüchtern und schlicht erzählte Geschichte endet dennoch auf eine zutiefst deprimierende Weise.
Ein früherer Roman Youds, "Die Wächter" (The Guardians), thematisiert die unwissentliche Überwachung und Manipulation einer Bevölkerung und weist damit Anklänge an Orwells und Huxleys Romane auf. Er endet ähnlich tragisch wie der Film "Einer flog über's Kuckucksnest".
Trotzdem es sich dabei um Kinderbücher handelt, halte ich alle vier Romane für lesenswert.

Rainer Braune: Die Krokodilfärberei

20 03 2006

Rainer Braune: Die KrokodilfärbereiWas ist Nacht? Ein dickes Buch, auf schwarzes Papier gedruckt, mit glitzernden Kommas und Punkten.

In nicht ganz neun Stunden und mit lediglich kurzen Unterbrechungen habe ich das heute gelesen. Liebe und Haß, Lust und Leidenschaft, Tod und Auferstehung, Grausamkeit und Güte zeichnet Rainer Braune in flirrenden, überquellenden und bezaubernden Bildern, gießt sie in Worte, breitet märchenhafte Szenen auf dem Papier aus. Eine ganz wunderbare Sprache. Dieses Buch ist Poesie. Lesen.

Meine Wertung:  •••

Leipziger Buchmesse

18 03 2006

Über die Leipziger Buchmesse ist während der letzten Tage so viel berichtet worden, daß ich mir ausführliche Schilderungen und weitere Details an dieser Stelle schenken möchte. Die Veranstalter zeigten sich nach Medienberichten erfreut über den hohen, diesjährigen Besucherzuwachs. Als einer von diesen konnte ich deren Freude allerdings nicht recht teilen. Es mag sowieso der Wahnsinn schlechthin gewesen sein, die Messe ausgerechnet an einem Samstag besuchen zu wollen. Viel schwerer wiegt aber der Umstand, daß es, im Gegensatz zu Frankfurter Buchmesse, in Leipzig keine ausgewiesenen Fachbesuchertage gibt. So müssen sich letztere zusammen mit dem Strom der regulären Besuchermassen durch die Hallen schieben. Gelegenheit zu Gesprächen ergeben sich dadurch nur unter dem üblichen Messestreß und in zum Teil unerträglicher Unruhe.

Mißfallen hat mir neben der unsinnig, teilweise recht wirr und ungeordnet erscheinenden Aufteilung (Sachbuch und Belletristik jeweils verteilt über zwei separate Hallen?) besonders der LARP-, Anime- und Fantasybereich. Die Messehalle 2 und deren Umfeld waren zeitweise nicht mehr betretbar, weil sich Massen verkleideter Jugendlicher durch die Gänge schoben bzw. in Gruppen darin herumstanden sowie Ein- und Ausgänge blockierten. Die Luft war zum Schneiden dick, die Temperatur lag um etliche Grade über der in den anderen Hallen, und ein Besuch der Stände war über Stunden hinweg vollkommen unmöglich.

Nun habe ich nichts gegen Live-Rollenspieler, ich war selbst einmal einer. Comics, Science-Fiction und Fantasy lese ich nach wie vor. Dennoch hielt ich die Raumaufteilung für deplaziert. Klar, daß die anreisenden, jugendlichen Besucher unter den gegebenen Umständen die Halle und angrenzende Bereiche in Beschlag nahmen und in eine gigantische Rollenspiel- und Festivalarena verwandelten. Das sei ihnen auch gegönnt gewesen, zumal ich mich unter den geradezu inflationär auftauchenden Goths fast noch heimisch fühlte. Die Begegnungen zwischen der elitär herausgeputzten Literaten-Damenwelt und plateaubesohlten, halbnackten Lack-und-Leder-Gothbabes, die ihre flaumbehaarten Jünglinge an Hundehalsketten hinter sich herschleiften, waren außerdem äußerst belustigend zu beobachten. Dennoch bin ich der Ansicht, daß Animes als zum Medium Film gehörend auf einer Buchmesse nichts verloren haben. Unter den gegebenen Umständen der offensichtlichen Attraktivität dieses Bereichs wäre eine Auslagerung in eine separate Veranstaltung zudem überlegenswert gewesen.

Was bleibt, ist ein Eindruck einer Massenveranstaltung. Was sicher auch so beabsichtigt war. Wie eine lärmende, laute Veranstaltung, die unter schlechten akustischen Bedingungen teilweise qualitativ erbärmliche Rezitationen einer andrängenden Menge zu vermitteln sucht, die Besucher zum Lesen animieren soll, wird mir auch weiterhin ein Rätsel bleiben. Zu den unabdingbaren Voraussetzungen des Lesenkönnens zählen an sich innere Konzentration und äußere Stille. Beide dürften zumindest an diesem einen Tag an vielen Stellen Dinge der absoluten Unmöglichkeit gewesen sein. Nach meinem Eindruck war diese Messe nicht einmal zum Kauf von Büchern sonderlich geeignet, da auch zum Aussuchen eine gewisse Ruhe vonnöten ist. So schien mir die Leipziger Buchmesse überwiegend für Autoren, auch angehende, sowie für Verleger und hauptsächlich zur Selbstdarstellung interessant gewesen zu sein. Der sich daraus ergebende Jahrmarkt der Eitelkeiten ist allerdings schon wieder ein ganz eigenes Thema für sich.

Womöglich stelle ich nicht gerade den Phänotyp eines typischen Messebesuchers dar.

Oliver Steller: Rilke

11 03 2006

Oliver Steller: RilkeZwischen den Sternen
"Dass am Ende meiner Vorbereitung ein Bühnen-Programm herauskommen sollte, war einerseits angestrebtes Ziel, andererseits schmerzliche Auswahl und Kürzung. Dieses Buch gibt mir und hoffentlich auch Ihnen Gelegenheit, Rilkes Lyrik und die dazu gehörenden Stationen seines Lebensweges zu vertiefen." (Oliver Steller)

Was schreibt man zu einem Buch, das weder eine ausführliche Biographie noch ein reiner Gedichtband sein will, das man aber trotzdem immer wieder aufschlägt, um darin zu blättern? Es ist schnell gelesen; doch dann springt man zwischen den Seiten vor und zurück, liest hier noch einmal und vergleicht dort, um sich wiederholt in eines von Rilkes Gedichten zu vertiefen. In kompakter, leichtverständlicher Form werden darin Einblicke in Rainer Maria Rilkes Lebensweg und seine Laufbahn gegeben, immer wieder aufgelockert und ergänzt von Auszügen aus der jeweiligen Schaffensperiode dieses großen, deutschen Schriftstellers.

Oliver Steller: RilkeAls Ergänzung zur gleichnamigen CD mit Oliver Stellers Bühnenprogramm bietet das Buch viele Gelegenheiten zum Nachschlagen. Auch wenn beide jeweils für sich genommen bereits empfehlenswert sind, mag es sich auch angesichts der verträglichen Preise lohnen, sie miteinander zu kombinieren. Noch sehr viel besser ist es natürlich, dem Vortrag live zu folgen. Termine sind auf Stellers Website zu finden. Am 15. und 16. Mai dieses Jahres tritt der Künstler im Bonner Pantheon auf.

Mir selbst hat unter anderem dieses Buch Rainer Maria Rilke in einer schwierigen Lebensphase nähergebracht, nachdem ich unnötigerweise lange Vorbehalte aus persönlichen Gründen gegenüber dem Dichter und seinem Werk gehegt hatte. Mittlerweile schätze ich ihn ebensosehr wie Trakl oder Benn; und das will gerade in ersterem Fall sehr vieles heißen.

Meine Wertung:  •••

Ausgeschwärmt

07 03 2006

Frank Schätzing: Der SchwarmAls ich im Januar begann, den Bestseller "Der Schwarm" von Frank Schätzing zu lesen, war ich von den ersten zwei Dutzend Seiten gefesselt. So sehr, daß ich mich voreilig dazu hinreißen ließ, das Buch lesenswert zu nennen. An seinem Ende angelangt, muß ich diese Aussage allerdings widerrufen.

So vielversprechend der Anfang, so enttäuschend sein Schluß. Bereits im Mittelteil des umfangreichen und sich in überflüssigen Details und Nebensträngen verlierenden Romans bricht der Spannungsbogen stark ein und verflacht im weiteren Verlauf zu einem reinen Action-Drehbuchszenario auf dem Niveau von Hollywood-Dutzendware. Etliche der zu Beginn sehr deutlich herausgearbeiteten Charaktere sterben schon bald. Vor der Kulisse eines der vielen Katastrophenschauplätze zu bloßen Statisten degradiert, stellen sie damit den Umfang und Aufwand infrage, mit dem sie eingeführt wurden. Die Übriggebliebenen staksen hölzern und emotionslos durch ein seitenlang aufrechterhaltendes Weltuntergangsszenario, das bereits nach kurzer Zeit durch seine Vorhersehbarkeit langweilt. Der Protagonist nimmt den Tod der Freundin und uneingestandenen Liebe mit einer dumpfen Nebensächlichkeit auf, die selbst für einen durch seine Aufgaben stark in Anspruch genommenen und von den Ereignissen gefesselten Wissenschaftler reichlich unglaubwürdig erscheint. Militärangehörige werden wechselweise als materialverliebte Bummbumm- und skrupellose Überwachungsfanatiker oder als vollkommen Wahnsinnige porträtiert. Auch in anderen Bereichen bedient der Autor nach Leibeskräften plakative und bis hin zur Plattheit übersteigerte Klischees.

Nicht zuletzt verliert sich das Ende in absurder Phantastik. Zum Schluß driftet dieser Ökothriller und Endzeitroman unübersehbar in die Science-Fiction-Ecke ab und verspielt damit den letzten Rest an Glaubwürdigkeit. So fesselnd der Einstieg und so spannend die ersten 100 Seiten, etwa nach Seite 450 (die Taschenbuchausgabe ist 987 Seiten stark) gerät die Lektüre zur Anstrengung. Bezeichnend finde ich daher auch, daß die von mir markierten Zitate allesamt aus der ersten Hälfte des Buches stammen. Ob ich es noch einmal lesen werde, kann ich noch nicht vorhersagen.

Eines bewirkt der Roman immerhin: man betrachtet Meldungen wie "Riesenquallen lassen Fischer verzweifeln" oder "Wal in der Themse" plötzlich mit etwas anderen Augen. Es ist Schätzings Verdienst, auf seine Weise die Aufmerksamkeit auf die Ozeane zu lenken, aus denen das Leben stammt und von denen der Mensch stärker abhängt, als einigen seiner Leserinnen und Leser vor der Lektüre des Romans bewußt gewesen sein dürfte.

Meine Wertung:  •

18 01 2006

»Das erste Opfer im Krieg ist immer die Wahrheit.«
Aufgelesen bei Frank Schätzing, in "Der Schwarm".