Enchanté, Madame Diener

16 08 2009

Einer meiner erlernten Berufe ist der des Reformhauskaufmanns. Nach einigen Jahren in der Szene habe ich ihn aufgegeben. Wahrscheinlich wäre ich sonst wahnsinnig geworden und irgendwann Amok gelaufen. Angeblich soll Fleischverzicht ja friedlich stimmen, aber ich hege den schlimmen Verdacht, daß all diese Surrogate auf Dauer äußerst aggressiv machen. Das liegt vermutlich an dem ganzen DDT in dem Soja oder womit die armen Bauern in der dritten Welt ihre Felder sonst noch düngen. Jedenfalls hätte ich am Ende für ein saftiges, englisches Steak töten können.

Daß, kleidungstechnisch betrachtet, gelegentlich an Schamanen erinnernde Gestalten durch die Gänge des heimischen Biohauses schlichen, daran gewöhnte man sich irgendwann. Wenn sie eines ihrer bizarren Rituale vor dem Regal mit den Würzkräutern verrichteten, blieben die schwingenden Messingpendel immerhin lautlos, störten die übrige Kundschaft nur unwesentlich und hinterließen darüberhinaus keine dauerhaften Spuren. Außerdem ist dies ein Land mit Religionsfreiheit.

Diskussionen über die Vorzüge antroposophischer Erziehung bei gleichzeitiger makrobiotischer Ernährung fand ich hingegen deutlich belastender. Noch heute betrachte ich es als die Kür der hohen Verkaufskunst, fortwährend freundlich lächelnd zu nicken, während einem bei jedem zweiten Wort der Bullshit-Detektor lauthals in die Ohren schrillt. Wer bereits solche Perlen der Makrobiotik gekostet hat wie beispielsweise Umeboshi-Aprikosen, wird Verständnis für mein Verlangen entwickeln, auf Speisen wie Tagliatelle al salmone oder Roquefort-Creme-Brûlée nicht verzichten zu wollen.

Interessant war auch zu beobachten, daß gerade diejenigen Leute, die einem weiszumachen suchten, sie ernährten sich besonders gesund, häufig aussahen wie die Protagonisten aus einem George-A.-Romero-Film. Der Gipfel des Kultischen aber war eine Geburtstagsfeier mit Essen, das ausschließlich mit Produkten aus biologisch-dynamischem Anbau hergestellt worden war. Dazu wurde ein Edelstein-Verkauf zur Stärkung der Chakras gereicht. Die musikalische Untermalung bestand aus Planeten-Gongs. Die CDs des Künstlers konnte man anschließend ebenfalls kaufen.
Nein, ich wurde nicht wahnsinnig.

Aber es genügt, um sich heute ehrfurchtsvoll vor Frau Diener zu verneigen. Chapeau!

Das Wort zum Sonntag

21 06 2009

Hal Faber war schon immer erfrischend beachtenswert. Diese Woche aber schießt er den Adler ab. Bitte unbedingt lesen!

Desweiteren möchte ich in diesem Zusammenhang noch einmal auf fefe und Isotopp hinweisen. Insbesondere fefe ist momentan besonders schnell mit Updates und Kommentaren.

Unbequeme Fragen an uns und Zensursula

29 04 2009

Hier gibt es Zahlen. Zahlen sind für manche bekanntlich gleichbedeutend mit Fakten. Christian von MOGIS hat sie in mühevoller Arbeit aus der Polizeilichen Kriminalstatistik zusammengetragen, lesbar aufbereitet und zieht Schlüsse daraus.
Und stellt Fragen.

Unbequeme Fragen.

Fragen, die sich an jeden einzelnen von uns richten. Die jeder mündige Bürger für sich beantworten sollte. Über deren Implikationen man ebenfalls gründlich nachdenken sollte. Die Folgefragen nach sich ziehen. Stellvertretend seien nur zwei genannt: Was sagen diese nüchternen Zahlen über die Entwicklung unserer Gesellschaft aus? Wie passen die derzeitigen politischen Bestrebungen, eine Zensurinfrastruktur aufzubauen, in dieses Bild?

Lesepflicht.

Danke, Christian.

(via fefe)

Sil53r Surf3r Update

16 09 2007

Über Aktualisierungen der Blogsoftware wollte ich eigentlich keine Beiträge mehr verfassen. Aber das würde Serendipity und seinem Entwicklerteam nicht gerecht. Außerdem ist das Update auf Version 1.2 sowieso einer Erwähnung wert.

Das Blog sollte jetzt erstens wieder vollständig funktionieren und zweitens auch performanter sein als zuvor.

Das Blog

17 07 2007

... ist kaputt, ich weiß. Keine Zeit, das jetzt zu fixen. Bin auf einer anderen Baustelle unterwegs. Dort sieht es allerdings deutlich besser aus. Wenn gleich das Fibre-Channel-SAN anfährt, können die BladeCenter kommen. Vom Lärm einmal abgesehen ist ein Serverraum bei der heutigen Hitze sowieso nicht der schlechteste Aufenthaltsort. Jedenfalls bleiben darin die Getränke kalt.

Aufgeben? Auswandern?

06 07 2007

Eigentlich wollte ich mich zu den Themen rund um Stasi 2.0, unseren Mielke auf Rädern und sonstige Dinge, bei denen man wahlweise sämtliche Hände vors Gesicht oder die Zähne in diverse Tischkanten schlägt, nicht weiter äußern. Bei Rädern muß ich ohnehin immer gleich an moderne Zeiten denken, in denen wir alle friedlich, frei und froh breit grinsend im Gras auf der Blümchenwiese liegen und uns den Rest der Welt kräftig am Arsch vorbeigehen lassen.¹

Nachdem der Bundesrat den verschärften Hackerparagrafen durchgewunken hat, ziehen die ersten die Konsequenzen, und andere schließen aufgrund zunehmend restriktiver Rechtsprechung ihre Blogs (diese Links reiche ich ggfs. nach). Auswandern wäre angesichts der glänzenden Aussichten auf die kommende Vorratsdatenspeicherung oder weitere bürgerfreundliche BGH-Urteile inzwischen eine ernsthafte Überlegung wert, wäre das nicht feige und könnte man sich sicher sein, daß es woanders um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wirklich besser bestellt ist. Dennoch gibt einem angesichts solcher Nachrichten und der Gesamtsituation ein Blick auf's Zifferblatt mehr als genug zu grübeln.

¹ Dies ist im Übrigen keine Aufforderung zu verschärftem Drogenkonsum, sondern eine zum Nachdenken. Wie heißt es in der Rocky Horror Picture Show doch so schön? "A mental mind-fuck can be nice!"

(Via Fefe, Isotopp u. a.)

Sil53r Surf3r ist virtuell umgezogen

25 03 2007

Umzüge verursachen Staub und Dreck, Chaos und Durcheinander. Mindestens ein Karton geht auf dem Weg von hie nach dort grundsätzlich verloren, und irgendetwas geht dabei immer zu Bruch. Man findet in den Ecken und hinterm Sofa lang verschwundene Dinge, die man längst vergessen glaubte - und von denen man einige ganz bestimmt nicht wiederfinden wollte. Deshalb schätze ich Umzüge nicht besonders. Ich bin jedesmal froh, wenn ich wieder einen davon hinter mir habe.

Diesmal war der Umzug virtuell und verlief anscheinend glimpflich. Wenn man bedenkt, daß ich die von mir verwendete Version der Weblog-Software an einigen Stellen angefaßt und auch einige Plugins gepatcht hatte, ist es erfreulich zu sehen, daß das Blog auch nach dem Umzug und anschließenden, diversen Updates prinzipiell noch läuft. An einigen Stellen verlaufen Links jetzt ins Leere, und das Kommentar-Plugin in der Seitenleiste läßt diese etwas breiter ausfallen als bei der alten Version. Noch habe ich nicht herausgefunden, woran das liegt; die Stylesheets beider Versionen sind identisch. Abgesehen von solchen Kollateralschäden sieht aber alles noch so genauso aus wie vorher. Das heißt, auch einige der total veralteten Links unter den Buttons sind nach wie vor kaputt, und generell müßte hier mal kräftig entstaubt und aufgeräumt werden. Das lasse ich aber als späteres ToDo auf meiner Liste stehen.

Serendipity ist über mehrere Versionen hinweg auf die aktuelle stabile Version hochgezogen worden, was inklusive der Datenbank-Updates reibungslos funktioniert hat. Kudos einmal mehr an das S9y-Team! Und dank eines hervorragenden Artikels von Kristian Köhntopp über MySQL Zeichensatz-Grundlagen sind die Datenbankinhalte von einem MySQL 3.23.58 Server und Latin1-Collation problemlos auf einen MySQL 5 Server mit UTF8-Collation gewechselt. Problemlos jedenfalls, wenn man davon absieht, daß mein Provider keinen Komplett-Export der Datenbank erlaubt und ich sie deshalb tabellenweise übertragen mußte. Ohne Isotopps Grundlagenartikel hätte ich das wohl kaum auf Anhieb geschafft. Vielen Dank, Kris!

And now for something completely different.

Höflich gefragt...

16 03 2007

Am frühen Morgen erreichte mich eine freundliche, private Anfrage, ob Inhalte meiner Site weiterverwendet werden dürften. In dem Fall habe ich mich natürlich gerne damit einverstanden erklärt.

So kann es also auch gehen.

Einmal werden wir noch wach

05 12 2006

Zum guten Morgen: Jojos Vorweihnachtsgeschichte.

Absolut harmloser Abendausklang

05 12 2006

Herr: es ist Zeit. Das Netzwerk war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Studiseiten,
und in den Foren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Trollen voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei spamreichere Tage,
dränge sie zur Sinnleere hin und jage
die letzte Süße aus dem schönen Heim.

Wer jetzt kein VZ hat, holt sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Postings schreiben
und wird in den Userforen hin und her
unruhig wandern, während die Weblogs bleiben.


(frei nach Rainer Maria Rilke)

Lust auf ein wahlweise anregendes oder beruhigendes Getränk bei geistreichem Geplauder an der Blogbar? Ich nehme einen deutschen Cappucino, danke. Und möchte dabei angelegentlich empfehlen, auch der Unterhaltung der übrigen Anwesenden ein Ohr zu leihen. Es befinden sich durchaus vernünftige Stimmen darunter. Und deutliche Anzeichen von Lernfähigkeit. Es gibt noch Hoffnung.

P.S.: Das weihnachtliche Wettrüsten ist abrupt deeskaliert, nachdem wegen Abreißens des Versorgungsnachschubs bzw. aufgrund sträflichen Einsatzes nicht kriegstauglichen Materials bereits weit über die Hälfte der nachbarlichen Leuchtkraft den unwirtlichen Witterungsverhältnissen (inoffizieller Sprachgebrauch: Nieselregen) an der Beleuchtungsfront zum Opfer gefallen ist. Insofern besteht unsererseits vorerst kein Handlungsbedarf.

P.P.S.: Ist es unnötig, zu erwähnen, daß besagtes soziales Netz bei weiter bestehender Kommunikationsunfähigkeit derzeit noch offline ist? Ja? - Dachte ich mir.

Familienleben

01 12 2006

Ist gerade wichtiger. Aber dieses Blog und ich leben noch und erfreuen sich zufriedenstellender Gesundheit. Was man vom Zustand der Privatsphäre und des Rechts auf informelle Selbstbestimmung bundesdeutscher Bürger offenbar schon lange nicht mehr behaupten kann. Vom Ruf eines gewissen sozialen Web-2.0-Netzwerks sowieso nicht. Der geschätzte Don Alphonso findet, daß selbst Studenten (derzeit noch) Rechte besitzen, an deren schleichender Unterminierung gewisse Lobbys ein stetig wachsendes Interesse zu hegen scheinen. Manche profitgeileorientierte Jungunternehmer interessieren sie deshalb offenbar gleich einen Scheißdreck, weshalb die wiederum just von der Blogosphäre und mit dem Thema befaßten Personenkreisen auf die Finger bekommen. Die subjektive Chronologie einer Talfahrt zeigen andere Blogger und die haarsträubenden Zustände vor Ort Leute mit entsprechender Kompetenz auf, deshalb schenke ich mir an dieser Stelle eventuelle Details.

Trotzdem gibt es noch Hoffnung und gelegentliche, kleine Lichtstreifen am Horizont.

[Update 2006-12-03] und absichtlich kein neuer Artikel, weil die Aufmerksamkeit seitens Blogosphäre und Medien ohnehin bereits zu hoch ist.

Sajonara hat eine Übersicht von Presseartikeln zum StudiVZ-GAU zusammengestellt.
• Ein interessanter Aspekt an der Sache wird von gonnalearn.com beleuchtet (auf englisch).
Heise faßt ebenfalls noch einmal zusammen.

Die "Silver Surfer" kommen!

20 09 2006

Rosen sind rot,
Veilchen sind blau,
ich bin schizophren -
und ich bin es auch!


Also, nur um das nach mehreren Hinweisen besonders zu betonen, damit haben wir nichts zu tun. Wirklich absolut nichts! Und nach pittoresken Inhalten zu Phrasen gehobenen Niveaus wie "Sportlerinnen nackt" und "Busen am Oktoberfest 2006" wird man hier vermutlich ziemlich lange suchen müssen. So ungefähr, bis man schwarz wird. Jedenfalls ruhen wir zwar gelegentlich am Busen der Natur, in den Armen von Morpheus oder in denen diverser Musen, führen aber keinen Schweinkram, danke. Gehen sie bitte den Pfad entlang bis zur nächsten Suchmaschine. Jeder nur ein Kreuz einen Begriff.

Ich atme Kunst

31 08 2006

"Männer sublimieren ihren Gebärneid, wenn sie Kunst machen."

Schallendes Gelächter. Nachdem ich mich ein wenig davon erholt hatte, begann ich mir zwecks weiterer Erleuchtung einige Fragen zu stellen. Frauen sublimieren ja ihren Penisneid, wenn sie derartiges aus ihrer Feder schütteln. Kunst machen? Architektur tanzen? Bilder an die Wand und Namen in den Schnee pissen? Senseless Gebollah? (Oh, sorry. Das war ein Insider.) Es gab da mal vor Jahren im Ruhrpott einen Durchgeknallten, der als offenbar kultursanktionierter Freigänger in sogenannten Happenings Leinwände mit seinen Exkrementen bemalte. Und somit "Kunst machte". Fäkalideologisch gesehen. Immerhin beschränkte er sich auf diese. Auf die Leinwände, meine ich. Ob sich andere Kunstschaffende mit derlei kretinen Aktionismen infizieren, Entschuldigung, identifizieren konnten, ist nicht bekannt. Für das Publikum bestand immerhin eine latente Gefahr darin, sich irgendwelche spaßige Krankheiten mit lustigen, aber unaussprechlich langen, lateinischen Namen einzuhandeln. Als Kunstinteressent wollte man sich solch ein frischgeschaffenes Objekt jedenfalls wohl kaum an die heimische Wand über das Gästesofa hängen. Einmal verklagte der perverse Perser, wie er sich selbst nannte, ein Museum wegen der Zerstörung von Kunstgegenständen. Der verantwortliche Direktor hatte eine Installation aus einer dreistelligen Anzahl toter Küken offiziell entsorgen lassen, weil diese angesichts der sommerlichen Temperaturen draußen vor dem Fenster ein gewisses olfaktorisches Eigenleben zu entwickeln begann. Aber ich schweife ab.

Die Krux an Pauschalisierungen - ob kontermaskulin oder nicht - ist, daß sie implizit unzutreffend sind. Wenn man sie anwendet, disqualifiziert man sich als sachlicher Diskussionspartner, zumindest innerhalb desselben Kontexts. Falls sie themenübergreifend, sozusagen pauschal, angebracht werden, ist außerdem eine starke Affinität zu Realitätsblindheit, Verblendung und latentem Fanatismus anzunehmen. Glücklicherweise sind diese häufig temporär und wachsen sich in späteren Jahren aus. Dennoch weiß man kaum, was man befremdlicher finden soll. Auf der einen Seite das immer wieder angeprangerte, aufdringliche, männlich-pubertäre Imponiergehabe. Oder dort, auf der anderen, das öffentliche Ausleben des göttlichen Mystizismus der weiblichen Adoleszenz unter dem wehenden Purpurbanner des Feminismus. Schnipseln mit Haaren. Malen mit Menstruationsblut. Auf symbolträchtige Lilien gebettet, sanft umhüllt vom Deckmäntelchen sich bis zur Sinnentleertheit selbst feiernder, zeitgenössischer Kunst. Überhaupt ist die unsäglich penetrante Sexualisierung des Alltags durch manche ZeitgenossInnen bisweilen nur äußerst schwer erträglich. An soviel Eros, Thanatos und Körperflüssigkeiten auf einmal denken nicht einmal Männer. Nun, die allermeisten jedenfalls nicht.

Aber es gibt Ausnahmen. Menschen, die die durchaus angebrachte und immer noch gültige Forderung nach der Gleichbehandlung der Geschlechter mit pragmatischen Überlegungen zu verbinden wissen. Die einem sachlichen Umgang mit dem Thema abträgliche Äußerungen zum Knochenkotzen finden. Da ertappt man sich unweigerlich bei zustimmendem Nicken. Wohingegen ein Geschwalle wie das, mit dem dieser Artikel begann, lediglich zu unkontrollierten Heiterkeitsausbrüchen führt. Manchmal ist beispielsweise ein Mikrofon einfach bloß ein Mikrofon. Ein Schallumwandlungswerkzeug. Es hat mit einem Phallus in etwa soviel zu tun wie ein Pottwal mit einer Petunie. Wer das nicht glauben will, mag sich von mir aus eines dieser Dinge dorthin stecken, wohin die Sonne niemals scheint.

Nachtrag: Offenbar scheint auch die KünstlerIn selbst ihre These für ein wenig gewagt zu halten. Jedenfalls ist der betreffende Artikel von Ende 2005 über Nacht plötzlich aus dem Blog verschwunden (oder gesperrt worden). Das nächste Mal werde ich Screenshots anfertigen. Versprochen. Logos spermatikos. Gnicker. "Gebähre mir ein Ungeheuer, o allesverschlingende Vagina Dentata!" (Und singend ab.)

Blognomadin

23 08 2006

Ich habe sie wiedergefunden. Schon vor einigen Tagen. Die Blogwelt ist klein. Zwar wird sie mir als anonyme Autorin weiterhin unbekannt bleiben. Ihr Schreibstil jedoch und der Aufbau ihrer Artikel sind unverwechselbar. Ich habe sie sofort erkannt. Sie führte dieses Weblog seit einigen Monaten. Was bedeutet, daß es seit dem vergangenen Jahr noch mindestens eines, wahrscheinlich aber noch zwei oder sogar drei andere gegeben haben muß. Denn aufhören, aufhören kann sie damit nicht. Vermutlich will sie es auch gar nicht.

Sie schrieb im für sie typischen Stil. Angefangen von der Obsoleterklärung sämtlicher früherer Artikel führte die Bandbreite ihrer Beiträge von mehr oder weniger kryptischen, für Außenstehende absolut unverständliche Bemerkungen über Buchbesprechungen, Befindlichkeitsbeiträge und emotionale Ausbrüche bis hin zu Leserbeschimpfungen. Ab und an erschienen vollständige Artikel und die eine oder andere Kurzgeschichte. In der Ausdrucksweise abwechslungsreich und eloquent, ist sie durchaus in der Lage, Aufmerksamkeit zu erregen und Interesse zu wecken. Es darf nur nicht das eines größeren Publikums werden oder über die netzübliche Oberflächlichkeit hinausgehen. Dann schließt sie ihr Blog abrupt und zieht sofort weiter. Blognomadin.

Ihr aktuelles hat sie vor wenigen Tagen für geschlossen erklärt. Das Fazit wie immer eine Mischung aus Insultation ihrer Leserschaft, kryptischen Nichtigkeiten und Ablehnen jeglicher Verantwortung. Selbst schuld, wer sich an ihren Artikeln festliest. Selbst schuld, wer sich daraufhin für den Menschen interessiert, der sie verfaßt. Selbst schuld, wer Anteil an ihren Befindlichkeiten zu nehmen beginnt. Undsoweiter, undsoweiter. Stets sind ihre Beiträge Wegwerfartikel mit einer Halbwertszeit von nur wenigen Wochen. Selbst schuld, wer mehr zu erwarten beginnt. Auch wenn ihr Auftreten anfänglich anderes zu versprechen scheint.

Jetzt zieht sie weiter und wird irgendwo, vielleicht bei einem anderen, vielleicht auch beim selben Bloghoster, ein neues Weblog unter einem anderem Namen eröffnen. Und das Spiel beginnt wieder von vorn. In Kürze wird sie ihr jetziges, stillgelegtes Blog kommentarlos löschen. Daraufhin wird sie einige Monate lang das neue betreiben und schon bald auch dieses von jetzt auf gleich schließen. Vermutlich werden einige ihrer heutigen Leserinnen und Leser bis dahin offen oder im Stillen über die Beweggründe spekulieren, die sie zu diesem Schritt veranlaßt haben mögen. Vielleicht wird sie sich darüber amüsiert oder hämisch ins Fäustchen lachen. Vielleicht ist es ihr auch vollkomen einerlei und herzlich egal. Vielleicht, vielleicht.

Sollte man sie bedauern? Dafür, daß es ihr nicht gelingt, an einer Stelle zu verweilen? Dafür, daß sie nicht einmal im Anonymen in der Lage zu sein scheint, sich der permanenten Aufmerksamkeit eines Online-Publikums zu stellen? Dafür, daß sie trotzdem eine regelmäßige Mindestdosis ebendieser Aufmerksamkeit zu benötigen scheint, um ihr Selbstwertgefühl anzuheben? Oder sollte man sie stattdessen anfeinden und verurteilen für das Spiel, das sie mit ihrer Leserschaft treibt, für die immer wiederkehrende, implizite Manipulation der Besucherinnen und Besucher ihrer diversen Weblogs?

Noch während mir all diese Fragen durch den Kopf gehen, stelle ich fest, wie gleichgültig mir ihre Antworten sind. Es gibt unzählige lesenswerte Blogs im Netz. Bei weitem mehr, als zu sichten meine Zeit je zuließe. Darunter wiederum befinden sich etliche Blogger, die aufgeschlossen mit ihrer Leserschaft interagieren. Ein Weblog muß keine Einbahnstraße sein. Eigentlich läuft solch eine "ich blogge, aber mir sind meine Leser egal"-Haltung auch dem ursprünglichen Gedanken des Bloggens zuwider. Und bei der schieren Masse an interessanten Inhalten kann einem Leser ein Blogger, dem seine Leser gleichgültig sind, in der Umkehrung auch nur egal sein. Wegwerfkommunikation führt auf direktem Wege in die Bedeutungslosigkeit. Und das ist sie dann auch: belanglos.

Verbucht unter Zeitverschwendung, damals. Egal.

Serendipity 1.0 veröffentlicht

16 06 2006

Gestern ist die Version 1.0 der besten Blogsoftware der Welt™ :) veröffentlicht worden. Von der Featureliste kann man sich auf der offiziellen Website überzeugen. Bei Golem gibt es eine Zusammenfassung inklusive Screenshots, und bei mir sieht es so aus, als stünde nun endlich ein größeres Update an. In dem Zusammenhang werde ich auch auf eine andere Domain umziehen. Ob dies noch vor dem anstehenden Urlaub stattfinden wird, kann ich daher im Augenblick noch nicht abschätzen.