
Der
LinuxTag findet dieses Jahr zum ersten Mal nicht mehr in Karlsruhe, sondern vom 3. bis 6. Mai in Wiesbaden statt. Der erste Eindruck nach dem Ortswechsel ist noch durchwachsen. Neben etwas nostalgischen Gefühlen - man hat sich in mehreren Jahren einfach an die Umgebung, die Hallen und die Stadt Karlsruhe als Veranstaltungsort gewöhnt - halten sich Vor- und Nachteile jedoch in etwa die Waage. Wiesbaden liegt zentral und ist leicht zu erreichen; von Bonn aus kann man in zwei Stunden dort sein. Die Messehallen befinden sich nahe dem Hauptbahnhof, und man kann ganz bequem zu Fuß dorthin gehen. Ihr Inneres wirkt abgenutzter und "schäbiger" als die Karlsruher Gebäude, dafür ist die verwendete Halle im ersten Stock allerdings größer und weniger verwinkelt. Durch die symmetrische Anordnung von Sälen und Ständen ist die Messe besser zu überblicken, und die Orientierung fällt dadurch leichter. Die sanitären Anlagen jedoch sind von deutlich schlechterer Qualität als in Karlsruhe. Es sind anscheinend auch anzahlmäßig weniger, und schon bei den heutigen, ebenfalls traditionell noch recht schwachen Besucherzahlen hätten sie zwischendurch deutlich öfter gereinigt werden dürfen. So etwas hinterläßt beim Besucher ein leicht vermeidbares Iih-Bäh-Gefühl. (Ich beurteile Verantaltungsorte generell nach dem Zustand ihrer sanitären Anlagen; da kann in einem Restaurant beispielsweise das Essen noch so gut sein.)
Anlaufprobleme und Pannen gab es diesmal erfreulicherweise keine, der Zeitplan wurde bis auf kaum vermeidbare Verzögerungen recht genau eingehalten, und die Qualität der Vorträge im freien Programm war durchweg gut. Einzig auffällig war, daß sich zu den letzten Vorträgen keiner der Moderatoren mehr blicken ließ, so daß Herr Yutaka Niibe als letzter Referent des Tages anfang etwas verloren auf dem Podium stand und auf seine Ansage wartete. Aus der Perspektive der Veranstalter ist das einem fremdsprachigen Gast - vor allem einem Japaner gegenüber - besonders unhöflich. Das sollte besser vermieden oder auf eine Anmoderation der Beiträge ganz verzichtet werden.
Die von mir heute besuchten Vorträge waren:
- Die "richtige" Desktop-Distribution?!?
Application and Desktop Day; Referent: Karl Deutsch - QGIS und GRASS - eine gelungene Kombination!
GIS; Referent: Stephan Holl (GDF Hannover) - OpenJUMP - Die Community-Plattform für Desktop-GIS-Lösungen
GIS; Referent: Ugo Taddei (l a t / l o n GmbH) - GPSdrive and Kismet
GIS; Referent: Anthony Stone (Open Source IT) - amaroK: Killerappplikation für Linux
Application and Desktop Day; Referent: Sven Krohlas (roKymotion, amaroK Promotion Team) - Ekiga - The Open Source Multi-Protocols VoIP Application
Application and Desktop Day; Referent: Damien Sandras (Multitel) - Eine Einführung in Konzepte und Alltagsszenarien von VoIP mit Asterisk als Beispiel
Application and Desktop Day; Referent: Michael Schwab (de-SOLUTION) - Minimum, Single Threaded HTTP/TCP/IP implementation for bootloader
Emerging Technologies; Referent: Yutaka Niibe (National Institute of Advanced Industrial Science and Technology, Japan)
Seit einigen Jahren bewerte ich für mich deren Qualität, um mich bei Wiederholungen oder neuen Themen desselben Referenten etwas besser orientieren zu können. Oft treten Überschneidungen im Programm auf, die zu Interessenskonflikten führen. In dem Fall lasse ich meine Bewertung der Vortragsqualität in die Entscheidung mit einfließen, welchen ich anhören werde. Die genaue Bewertung möchte ich aus Höflichkeit gegenüber denjenigen, die schlechter dabei wegkommen, nicht exakt wiedergeben. Aber um einen groben Eindruck wiederzugeben, haben mir die Vorträge von Anthony Stone, Stephan Holl und Sven Krohlas heute am besten gefallen. Die ersteren beiden hielten zügige und informationsdichte Reden, und sie alle trugen flüssig vor.
Was mir an Sven Krohlas Präsentation mißfiel, war die meiner Ansicht nach etwas zu dick aufgetragene Beteiligungswerbung für sein Projekt. Ich bin der Ansicht, daß auf dem LinuxTag Information den Vorrang vor Promotion haben sollte. Schließlich werden die Vorträge überwiegend vor Geeks gehalten, von denen ein großer Teil bereits in der einen oder anderen Weise in
FOSS engagiert sein dürfte. Kurze Hinweise auf Beteiligungsmöglichkeiten und weiterführende Informationen sollten in dem Fall genügen. Ernsthaft Interessierte sprängen dann auf den Zug schon auf. Aus dem selben Grund fand ich die Pro-"klik"-Zwischenrufe aus dem Publikum während des Vortrags schon beim zweiten Mal nicht mehr witzig, sondern nervtötend. Mich persönlich nehmen solche Aktionen stark gegen das betreffende Projekt ein, schaden seinem Ruf also damit. Weil ich der Meinung bin, daß gerade auf einem solchen Treffen allen Projekten gleiche Präsentationschancen gegeben sein sollten und einzelne Projektmitglieder oder -sympathisanten nicht mit aller Gewalt versuchen sollten, "ihre" Software zum Nachteil anderer in den Vordergrund zu rücken.
Der Vortrag von Herrn Deutsch über die Wahl der Desktop-Distribution war erwartungsgemäß nicht mehr sonderlich ergiebig für mich, da er sich an eine völlig andere Zielgruppe richtete. Eines seiner Argumente hat mich jedoch überzeugt: Es sei besser, einem Umsteiger von Windows nach Linux zu einem möglichst Windows-unähnlichen Desktop wie Gnome zu raten, weil der Anwender dann auch erwarte, daß sich das System anders verhalte als das bisher gewohnte. KDE mit seiner hohen Windows-Ahnlichkeit beispielsweis führe eher zu Verwirrung, weil die Abweichungen erst im Detail steckten. Das eigentlich nicht unlogisch. - Alle Beiträge hatten ansonsten den schon LinuxTag-typischen Effekt gemeinsam, das Interesse an den betreffenden Themengebieten wieder aufzufrischen oder es zu wecken: GIS, Wardriving, VoIP und Asterisk sowie den für Embedded Devices gedachten, vorgestellten Bootloader. Man müßte nun bloß noch die Zeit haben, sich ohne Selektion all diesen Themen gleichermaßen in Ruhe widmen zu können...
Many thanks especially to Anthony Stone for the interesting, fluent and quite amusing presentation. Glad to have seen it.